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Der Morgen · 1932-08-01 · Heft 3 (August 1932) · p. 229

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 3 (August 1932)
Article
Jüdische Familien [Rezension]
Date
1932-08-01
Page
229 (sequence 5)
Language
German
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Jüdische Familien der Sinn des oft mißverstandenen Schlusses, der auf eine gewandelte, neu geformte und aus tragischem Sturz neu erstehende Welt auch für die Familie hindeutet." Das Zeitalter des Gesanges und Gesetzes ist nun zu Ende. Welches Zeitalter aher hat begonnen? — „A 11 e Geschwister v erste Im die Verkündigung" heißt es bezeichnend am Schlüsse des Buches. Ist das ein Ende oder ein Anfang — oder beides zugleich? Mitten in dieser Zeit der „Familien-Dämmerung", wie der Züricher Psychologe C. G. Jung einmal unsre Zeit nannte, ersteht nun ein neuer Versuch zur Lösung dieser uralten Probleme; er kommt von einer Seite her, von der man ihn am wenigsten erwartete. Längst vergessenes Gefühl für das Organische, das Erdentsprossene jenes merkwürdigen Gebildes, das wir Familie nennen, und für das eigene Ich als Glied in der Kette der Generationen erwacht in jenem Lande, das kein anderer als Goethe einmal glücklich pries, weil ihm „in lebendiger Zeit unnützes Erinnern" fehle: in Amerika. Und nicht nur dort. Kein Zufall ist es, daß gerade in dieser chaotischen Nachkriegszeit, da mancher meinte, der jüngste Tag sei gekommen, sich überall auf dem Festland wie im Inselreiche die Augen der Menschen wieder einem Gebilde zuwenden, das die Jahrhunderte überdauert hat und es auf seine Tragfähigkeit in gewandelter Zeit hin untersuchen. Unter dem merkwürdigen und vielsagenden Titel „und Co." (die erste deutsche Übertragung „Simler & Co." [Rotapfel Verlag, Zürich 1926] änderte ihn dann landläufiger aber weniger bezeichnend in „Simler und Co.") schrieb der begabte Jude Jean Richard Bl o c h , von dem Romain Rolland das große Werk unserer Zeit erwartet, die Geschichte einer elsässisch-jüdischen Kaufmannsfamilie. Hier umspannt nun wirklich der eigentümliche Titel das Wesen des Buches. Denn kein Einzelner ist der Held des Buches — weder der Gewaltmensch Hippolyt Simler noch seine schwächeren Söhne, noch auch der Träger der Simlerschen Zukunft, der kleine Ludwig. Held des Buches ist vielmehr die Sippe, die ihr eigenes unheimlich kräftiges Leben führt und fast wie ein Moloch den Einzelnen an sich zieht und verschlingt. Mancher strebt flötenspielend, sich einen Tag lang ihrem Banne zu entziehen — umsonst. Kaufmannsfamilie, der ihr Lebenswerk, das große Textil-Unternehmen, wichtiger ist als das Leben und die Entwicklungsmöglichkeit des Einzelnen; mehr angedeutet als ausgeführt wird der Kampf des Einzelnen mit dieser Gemeinschaft, die ihn großzog, liebt und — knechtet. Der amerikanische Vetter muß zum Schluß die Moral dieses Kampfes ein wenig allzu lehrhaft aussprechen: klar werden darüber, was Erbgut im Einzelleben ist — nicht nur Konformisten, auch Dissidenten braucht die Welt ... „Finden Sie den Sinn Ihrer Dauer wieder ..." Damit mündet ganz unverhüllt das Problem der jüdischen Familie und des Einzellebens in jenes alte Quellgebiet, von dem es ausging: in das Problem des Judentums in anders gerichteter Umwelt. Gewiß, bei den Simlers — wie in Frankreich vielleicht überhaupt — geht dies Problem nur nebenher, obwohl es von der Entwicklung des Ganzen untrennbar ist. Aber ein anderer jüdischer Künstler unserer Zeit hat dieser Verket- 229

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