Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Jüdische Familien [Rezension]
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauss beisammen aber stehen die Geschwister, Menschen des gleichen Alters, der gleichen Begriffsbildung. Als Lenore am Rande der Verzweiflung ist, da hilft ihr niemand anders als ihr Bruder, der kleine David Wahl, „ihr bester Freund", dem sie sich anvertraut, der bei ihr ausharrt. Bündnis der Generationen — in neuem Querschnitt. Kinder stehen gegen die Eltern in geheimem Bunde zusammen; aber sie stehen doch zusammen. Ist es eine neue „List der Natur", die in der zwölften Stunde die sterbende Gemeinschaft der Familie zu retten sucht? Kein Zufall scheint es, daß zur selben Zeit der Jude Franz Werfel eine dem Typ nach alt-patriarchalische, freilich katholische Familie zeichnet, der er schon das Siegel dieses neuen Bündnisses mitgibt: „Die Geschwister von Neapel" (Zsolnay Verlag 1931). Von allem Anfang seines Schaffens an hat Franz Werfel einer der wenigen überzeitlichen Dichter die wir heute haben, ein Gedanke erregt und immer wieder erregt: das ist das Problem der Eltern und Kinder, mehr noch des Vaters und Sohnes. Grenzenloses Lieben, das zu kalter „Feindschaft der geschiedenen Lebensalter" werden kann. Dies Lebensthema Werfeis, offenbar in eigener Jugend tief verwurzelt, ersteht aufs Neue in der Familie Pescarella, die im katholischen Neapel streng patriarchalisch lebt und die im Grunde nichts anderes ist als der Typus der altjüdischpatriarchalischen Familie, deren feste jahrhundertalte Bindung und deren Lockerung durch den Umsturz der Zeiten Werfel als ein Mit-Lebender an sich und seinen Freunden durchkämpfte. „Es ist der Sinn jeder Familienrunde um einen großen Tisch, daß ihre Mitglieder einander zugewandt sind, während sie der Welt den Rücken kehren" — mit der Schilderung eines solchen Familienmahles beginnt das Buch; wie ein König, inmitten seines Volkes, sitzt der Vater unter seinen Kindern, „der sechsfachen Vervielfältigung und Erweiterung seiner selbst." — Und man fragt sich: ist es nicht ein jüdischer Familien tisch — ist es nicht ein Sederabend, der hier beschrieben wird? Nun aber wohnen sie doch in Neapel, die Pescarellas, der Stadt der lachenden Lebensfreude, aber auch der grün umhegten Klöster und der hundert Kirchenglocken. Kampf dieses neuen Zaubers mit der alten Macht der Familie: das ist das Thema dieses Buches. Hier geschieht die Lockerung einer Familie: und sie geschieht im Innersten nicht dadurch, daß Wechselfälle des Geschicks das gottähnliche Oberhaupt treffen und seines Nimbus ein wenig entkleiden — im Gegenteil: das schmiedet sie alle im Herzen noch fester aneinander. Aber fremde Welt dringt von außen ein und will die Verbundenen trennen; der lockende Ruf der Liebe erklingt der schönen Grazia, der nicht minder betörende Ruf der Kirche erklingt zwei andern der Geschwister. Allein bleibt der Vater, erniedrigt, fast geschändet. Da aber tritt die Wendung im Schicksal dieser Familie ein — eine Wendung, die man nicht so recht versteht, wenn man nicht der andern Welt denkt, die im Herzen ihres Schöpfers lebt. Nein, so darf es nicht kommen, sagt die Ewigkeit der Familie. Und da zwingt sie den Retter herbei, einen richtigen Retter aus dem Märchen — wenn er auch Arthur Campbell heißt und ein reicher und geschäftstüchtiger Engländer ist. Das ist 228