Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Jüdische Familien [Rezension]
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 227 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Familien die vor einem Menschenalter erstand und die wir heute noch alle zu kennen meinen, hat mit Judentum und jüdischem Leben scheinbar nichts mehr gemein: dem Vater, dem Großindustriellen, den Berufsgenossen und Angestellte fürchten, der aber ein Nichts in seinem Hause ist, ebenso wie der Mutter, der ..Löwenjägerin", die jede Berühmtheit für ihren Salon einfangen will, bedeutet die jüdische Herkunft kaum mehr als eine gern verdrängte Erinnerung. Auch der Sohn, das unglückliche Ergebnis dieser unseligen Mischung, findet an seinen adligen Freunden alles nachahmenswert — selbst die Religion. Die tragische Komödie dieser Judenfamilie vollzieht sich schließlich in dem Augenblick, da der Vater sieht, wie der Sohn, um hinter den Freunden nicht zurückzubleiben, vor dem S}TQobol des Christentums den Hut lüftet und sich nicht enthalten kann, ihn zu züchtigen, wie seine Väter den ungeratenen Sohn züchtigten. [Schnitzler, „Der Weg ins Freie*' 1908, S.Fischer.] Familie ohne Zukunft — ohne jüdische Zukunft. Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß diese jüdische Großstadtfamilie der Vorkriegszeit — vergessen hatten wir sie und vergaßen sie gern — just in den letzten Jahren wie ein Gespenst wieder vor uns aufstieg in den Werken zweier unserer gelesensten deutschen Dichter. Da ist jenes Jugendwerk Thomas Manns, das einst unter dem Titel „Wälsungenblut** erschien, seit Jahren nicht mehr zugänglich war und kürzlich erst als „Sang Reserve'* in französischer Sprache wieder erschien. Was bei Schnitzler Ehrenberg heißt, nennt sich hier Arenhold: naiv - erfolgreiche Parvenu- Eltern, überzüchtete Kinder. Und wieder £eigt sich die Kluft zwischen den Generationen an der jüdischen Frage; diese Kinder verbünden sich gegen die Eltern, grollen ihnen wegen des jüdischen Blutes, das sie ihnen als Erbteil mitgaben. Gewiß, das Haus ist snobistisch, zum Teil geschmacklos; uns aber ist es ein Mene Tekel. Hier ist die jüdische Familie, die „wert ist, daß sie zugrunde geht". Versöhnlicher zwar, doch in den Grundzügen mit gleicher Unerbittlichkeit gesehen, zeigt sich die jüdische Großstadtfamilie inArnoldZweigs neuem Buche „Junge Frau von 1914" (Berlin, Kiepenheuer Verlag 1981). Gewiß, die Familie Wahl ist nicht ganz so reich wie die Pariser Arnhold und auch nicht ganz so judenfremd; sie lebt ja auch im Jahre 1914 und kann nicht anders als aus dem Judenschicksal während des Krieges manches lernen. Aber auch hier liebäugeln beide Eltern mit einem adligen Schwiegersohn, und lange dauert es, bis der Vater die Demütigung des Juden durch den gefeierten General, seinen vermeintlichen Gönner, verwunden hat. Auch hier finden wir — und das wird zum typischen Zug in allen Judenfamilien, die wir sahen — völlige Losgelöstheit der Kinder von den Eltern, die doch meinen, aufs beste für sie zu sorgen. Lenore Wahl hat einen Liebsten, erwartet ein Kind, muß es unter Qual und Not hergeben — und die Mutter ahnt nichts davon und freut sich am Hochzeitstage der jungfräulichen Unschuld der Tochter. Hier aber erscheint nun zum ersten Male — wenn es nicht bei Thomas Mann in der unheilvollen Verstrickung der Zwillinge sich schon andeutet — ein neuer bezeichnender Zug im Bilde der Familie in dieser Zeit. Ellern und Kinder trennt eine Kluft, die Kluft der Generationen. Eng 227 15