Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Bibelforschung aus jüdischem Geist
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 223 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Bibelforschung aus jüdischem Geist Alten Testament bezeugt wird". Hempel sagt dagegen: Ist „Offenbarung" Wirken Gottes in einer bestimmten Zeit und konkreten Lage, so ist sie notwendig zeitgeschichtlich bedingt. Dann aber sind wie für alle zeitbedingten Erkenntnisgegenstände, namentlich für die Interpretation eines historischen Textes, einzig und allein die rationalen empirischen Methoden anzuwenden wie für jeden anderen Text: es geht um die ..Erkenntnis des Erkannten", das Nachdenken eines Vorgedachten. Ginge es allerdings um Texte einer noch gültigen Rechtsordnung, so könnte es nicht bei der Feststellung des vom Gesetzesverfasser gemeinten Sinnes bleiben, da die der praktischen Rechtsanwendung dienende juristische Interpretation (im Gegensatz zur philologischen) sich auf den objektiv gültigen Sinn der Rechtsordnung, also den Zweck des staatlichen Gesetzes, nicht auf den bewußten — privaten — Willen des Textverfassers zu richten hat. Die Frage bleibt: Verläßt Buber bei seiner doppelten Bibel-Interpretation, seinem zusammen mit Franz Rosenzweig unternommenen Übersetzungswerk und in dem vorliegenden Kommentar „Königtum Gottes", den Bereich des Eigenlebens des Textes? Trifft er den vom Redaktor gemeinten Sinn? Die fremden Tendenzen der alttestamentlichen Forschung protestantischer und auch katholischer Färbung sind natürlich beseitigt, die Eigenbegrifflichkeit der jüdischen, der biblischen Welt ist wieder hergestellt. Aber Buber geht in seinem Eindringungselan doch weiter als es an sich mit Hilfe der Philologie und der vergleichenden Religionswissenschaft möglich wäre, eine alte, fremd gewordene Kultur ohne die Stütze einer bis auf den heutigen Tag fortdauernden Tradition lebendig und treu wiederherzustellen. Der Entwicklungsbegriff und der Vorslufenbegriff ist wohl bei Buber abgeschafft. Aber die Ungleichheit der hebräischen Bibelsprache und des Hochdeutschen macht das Sinnverstehen zu einem fast hoffnungslosen Unterfangen. Nie wurde das, worum es hier geht, so deutlich ausgesprochen als es Fichte in der berühmten vierten Rede seiner ..Reden an die deutsche Nation" über die Ausdrucksmöglichkedten verschiedener Sprachen in klassischer Weise tat. Wohl ist die Hauptthese dieser grandiosen vierten Rede von allen Seiten als unhaltbar aufgegeben, daß nämlich „der Deutsche eine bis zu ihrem ersten Ausströmen aus der Naturkraft lebendige Sprache redet, die übrigen germanischen Stämme eine nur auf der Oberfläche sich regende, in der Wurzel aber tote Sprache".1) Aber unmittelbar einleuchtet J) Fichtcs Werke, Ausgabe von Medicus, Bd. V, S. .136. 223