Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1932-08-01 · Heft 3 (August 1932) · p. 215

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 3 (August 1932)
Article
Bibelforschung aus jüdischem Geist
Date
1932-08-01
Page
215 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2895450-2895507-2895511-2902401--05888-2902481
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bibelforschung aus jüdischem Geist geben von dem, was hier geboten wird. Im ersten Kapitel behandelt Buber den Gideonspruch (Richter 8, 2 3), in dem der siegreich vom Befreiungskrieg gegen Midian heimkehrende Führer das erbliche Herrschertum ablehnt: „Nicht ich will über euch walten, auch nicht mein Sohn, Gott selbst soll über euch regieren." „Sein Nein will für alle Zeiten und Geschichtsgestaltungen als ein unbedingtes gelten." „Der Spruch wagt es, mit der Theokratie Ernst zu machen." Also kein sekundäres Produkt, keine Rückprojizierung aus der nachexilischen Situation in die Frühzeit, wie uns Stellen wie Richter 8, 2 3 aus der kritischen Bibelwissenschaft allgemein geläufig geworden sind, sondern echtes historisches Gut aus der israelitischen Frühzeit, echt im Sinn eines Geschichte schreibenden, gläubig dichtenden Gedächtnisses, geschichtsmöglich, nicht massiv geschichtswirklich wie eine Photographie oder die Töne aus einem Grammophon. Das Glanzstück des ganzen ersten Bandes ist das zweite Kapitel: „Richterbücher und Richterbuch". An der Behandlung des anziehend-abstoßenden Rätsels der 21 Kapitel der „Richter" scheiden sich von jeher die Geister der Erklärer. Hier liegt wirklich der Prüfstein für das Wissen um die Herkunft der Bibel. Aus einem antimonarchischen Teil und einer vollkommen deutlich unterscheidbaren (aus den letzten 5 Kapiteln 17—21 bestehenden) strengmonarchistischen Anhang-Chronik ist neben anderen hier wegzulassenden festen Kernstücken das Buch der Richter zusammengesetzt. Das ist die Hauptentdeckung '- Bubers. Schon Harold M. Wiener hatte vor kurzem in einer viel beachteten Schrift über die Zusammensetzung von Richter 2, 11 bis I. Könige 2, 46 hervorgehoben, daß das althebräische Schrifttum politischen Tendenzen seine Entstehung verdankt und dabei hoch interessante methodische Erwägungen, darunter auch die Einstellung des Schriftstellers zum Königtum, seinen Resultaten zu-, gründe legt. Also ein der Entdeckung Bubers verwandter Gedanke! Nach Buber hat in der samuelischen Krisis, nicht später, die antimonarchische Richter-Tradition ihre entscheidende Formung erfahren, während es für die monarchistische Gegenschrift Richter 17—21 nicht eine Traditionsformung, sondern ein literarisches Werk zu datieren gilt. Das eine Buch ist naiv-theokratisch, es erzählt echt, begeistert und gläubig; die Gegen-Chronik vmternimmt eine literarische Richtigstellung und widerlegt ein sie illusionär dünkendes Geschichtsbild: Das, was Ihr für Theokratie ausgebt, ist Anarchie gewesen. Daher in der monarchistischen, sich religiös überlegen fühlenden Anhangs-Chronik die Wiederholung: „In jenen Tagen gab es keinen König in 215

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.