Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Bibelforschung aus jüdischem Geist
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 214 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger Der christlichen Forschung liberal-protestantischer Prägung konnte der Messiasglaube Israels erst zu einer historisch-wissenschaftlichen Frage werden, als man sich rationalistisch sagte, daß die Erwartung der Propheten immer auf die unmittelbar bevorstehende Zukunft gehe und die Deutung des Messias auf Christus zum Objekt der gelehrten Dogmengeschichte und Geschichte der Exegese wurde. Die Schule Wellhausens wollte den messianischen Glauben rein zeitgeschichtlich und psychologisch verstehen als Sehnsucht nach einem idealen Friedensfürsten gegenüber den Nöten der Gegenwart; für diese Schule waren die Vorstellungen vom letzten göttlichen Strafgericht, also die gesamte eigentliche „Eschatologie" spätere, nachexilische Zusätze. Dem trat eben 1905 Greßmann entscheidend entgegen. Greßmann blieb aber nicht bei seinen Ansichten von damals stehen; er trug sich mit dem Gedanken einer völligen Neubearbeitung durch Behandlung eines umfassenden inzwischen angewachsenen Materials, das die vergleichende Religionsforschung und die Archäologie in großer Fülle darbot. Als Greßmann 1927 frühzeitig starb, fand sich in seinem Nachlaß ein anscheinend so gut wie druckfertiges Manuskript, das der bedeutende alttestamentliehe Theologe Hans Schmidt 1929 herausgab unter dem Titel „Der Messias": ein großes imponierendes Werk, das wohl durch die Beherrschung des religionsgeschichtlichen und philologisch-historischen Stoffes ausgezeichnet ist, dem aber leider trotz der entsagungsvollen Herausgebertätigkeit die letzte innerliche Geschlossenheit und Abrundung fehlt. Aus der Fülle der Gedanken und Monographien, aus denen dieses große Nachlaßwerk besteht, hebt sich jetzt jedenfalls der Grundgedanke von dem hohen Alter der israelitischen Eschatologie und von ihren Zusammenhängen mit den Nachbarkulturen mit aller Deutlichkeit ab. So wichtig in der Forschungsgeschichte die Gesamtansicht und die Einzelergebnisse von Greßmann bleiben und so wenig man bei einer tieferen, kritischen Betrachtung der neuen Buberschen Leistung von einer Zusammenstellung mit dem großen Messias-Buch des großen christlichen Gelehrten absehen kann, — das „Königtum Gottes" bleibt ein durch und durch selbständiges Werk von eigenem Wuchs: die erste große jüdische Behandlung des biblischen Stoffes auf rein wissenschaftlicher Grundlage, zunächst nur der erste Teil eines größeren Ganzen; ein streng gelehrtes Werk, das bei aller Gedankenfülle immer wieder zu einer exakten philologischen Textinterpretation zurückkehrt und doch in jeder Zeile lebendig bleibt, das insbesondere bei aller subtilen Vertrautheit mit den Einzelheiten und letzten Feinheiten des Faches neue Wege geht. Nur ein Gang durch die acht Teile des Werkes kann einen ersten Begriff 214