Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Bibelforschung aus jüdischem Geist
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger zu machen, sei hier eine gedrungene Skizze von der bisherigen wissenschaftlichen Vorstellung über die Ursprünge der jüdischen „Eschatologie" eingeschaltet, eine Skizze, die zu geben Buber selbst nicht zu seinem Aufgabenkreis zählt. Unter „Eschatologie" versteht man die Lehre von den letzten Dingen, die Vorstellung von dem großen Drama der Endzeit, mit dem nach jüdischem und christlichem Glauben diese Weltzeit ende, und eine neue ewige Zeit des Heils anbricht. Die wesentlichen Momente in diesem Zukunftsdrama sind nach jüdischer und christlicher Anschauung: das große Gericht am Tage Jahwes über die Feinde Gottes, also über die Heiden und Abtrünnigen Israels, die Rettung eines Restes der von dem Strafgericht Verschonten auf dem Zionsberg, der Einzug Jahwes in seinen Tempel zur Besteigung seines Thrones und der Beginn seiner Königsherrschaft über die Welt, des Reiches Gottes als einer Zeit des Segens und Friedens, der Erneuerung der Schöpfung und der Neustiftung des Bundes zwischen Gott und den Seinen. Ohne genaue Kenntnis dieser Vorstellungsreihe bleibt eine Hauptseite des jüdischen und christlichen Glaubens, besonders auch die Eigentümlichkeit der unlösbaren Verkettung beider Religionen, unverstanden. Die Frage nach dem Ursprung der Eschatologie ist für eine orthodoxe Betrachtung gegenstandslos; denn für sie ist diese ganze Lehre göttlichen, übernatürlichen Ursprunges, von Gott den Propheten eingegeber und in Kraft des lieiligen Geistes niedergeschrieben. Nach der Brechung dieses reinen Glaubens durch die historisch-rationalistischen Methoden galten eben die Verfasser der biblischen Prophetenbücher als die Schöpfer der Lehre von den letzten Dingen. Wie sich der Gedankenprozeß im einzelnen bei den verschiedenen Propheten-Gestalten vollzog, war also Sache der literarischen Kritik mit ihren rein philologischen Unterscheidungsmitteln. Ernst Sellin hat in seiner wichtigen Gedächtnisrede auf Greßmann ausgeführt: „Für die altteslamentliche Forschung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Eschatologie eine etwas unbequeme Zutat zu der alttestamentlichen Literatur: denn fast das ganze Interesse verschlang die stufenmäßige Entstehung des israelitischen Gesetzes, der geschichtlichen Urkunden und die Gestalten der Propheten." Die eschatologischen Abschnitte erklärte diese ältere, auch heute noch herrschende Forschung so, daß die Erwartungen der Propheten von dem Untergang ihres Volkes mit allerhand selbständigen Bildern von Naturkatastrophen ausgeschmückt worden seien und daß diese Bilder seit dem babylonischen Exil unter den Einfluß babylonischer Mythen vom Weltuntergang gerieten. So habe sich, später auch unter iranischer Einwirkung, eine 212