Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Bibelforschung aus jüdischem Geist
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger trautheit zu behandeln wissen." „Jene Willkürherrschaft", fuhr er fort, „die christliche Exegese und Kritik üben bei unleugbar großen Verdiensten, hat Bestand, solange sie von jüdischer Seite ignoriert wird; man wird vom Ignorieren dann doch einmal abgehen und durch geistige Freiheit und Sicherheit den Herrscherstab erringen." Warum sich diese Hoffnung nicht erfüllen konnte, ist oft beschrieben worden; der Anteil der Juden an der wissenschaftlichen Erforschung der Heiligen Schrift und der Standort der alttestamentlichen Wissenschaft außerhalb der christlichen Theologie sind im ..Morgen" (V. Jahrgang, 1929, Nr. 2, 3 und 6) ausführlich dargestellt worden.1) Eine eigene jüdische, aber doch kritische, die Ergebnisse der modernen Bibelwissenschaft nicht ignorierende Erforschung und Verständlichmachung der biblischen Urkunden ist erst durch Martin Buber angebahnt worden. In der Buber-Rosenzweigschen Bibelübersetzung, von der bis jetzt in elf Bänden die 5 Bücher Moses, die vier historischen Bücher Josua, Richter, Samuel, Könige und die beiden Propheten Jesaias und Jeremias vorliegen, wird noch einmal der heroische Versuch gewagt, das ursprüngliche lebendige Wort der Bibel nachzuformen. „Wobei unter Nachformen" — nach einer Erklärung Bubers in seiner Abhandlung „Über die Wortwahl in einer Verdeutschung der Schrift" — „nicht das geistwidrige Unterfangen, eine vorgefundene Form in andersartigem Material zu wiederholen, zu verstehen ist, sondern das Streben, in der andersgesetzlichen Sprache, in die übertragen wird, eine Entsprechung, Entsprechungen zu schaffen." Hinter jeder Wortwahl, jedem syntaktischen Ausdruck, hinter der Wort- und Satzstellung, der Zeilenanordnung steht eine wissenschaftliche und sprachkünsllerische Entscheidung. Fast gewaltsam entwinden die Übersetzer den heiligen Text der Trivialisierung, der er anheim gefallen war, machen ihn unter höchster Kraftanspannung mit Absicht ungeläufig, heben Wortlaut und Rhythmus von dem Gewohnten geflissentlich ab und wollen so gleichsam den ursprünglichen Verfasser zwingen, sein altes Erleben, das er in die hebräische Sprache umgegossen hat, in der deutschen Sprache zu wiederholen. Das mußte mißlingen. Denn das Umsetzen des Bibeitextes in die neue Sprache kann bei aller Feinhörigkeit des denkbar besten Übersetzers nichts anders sein als ein Umgestalten in eine andere Art des Erlebens. Die hebräische Sprache der Bibel, „das lauschende Sprechen, das sich hier eingetragen hat", in die hochdeutsche Sprache übertragen, heißt nämlich nichts x) Vgl. Ludwig Feuchtwanger, Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament, ebenda. 210