Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Bürgerlichkeit , Religion und junge Generation
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 205 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bürgerlichkeit, Religion und junge Generation wurde seinerzeit das Bürgertum der Religion entfremdet. Deshalb muß es jetzt um so mehr gelingen, die Religion als gestaltende Kraft an der Neuordnung der Gesellschaft zu beteiligen. Das Judentum trägt diese Kraft von jeher in sich. Man denke nur an die umfassende Größe unserer Sozialgesetzgebung, die die Juden zu einer Gemeinschaft eigener sozialer Ordnung machte. Darum steht die auf Totalität gerichtete Jugend heute auch innerhalb des Judentums dort, wo ihre Lebensgestaltung durch eine auf reale Ziele gerichtete Parole ermöglicht wird, wo eine starke jüdische Bewußtheit — auch wenn sie einseitig betont ist —, von einer Gemeinschaft getragen, ihr Dasein bestimmen kann. Wenn außerdem in derselben Bewegung auch Raum für sozialistisch-klassenkämpferische Motive und für das Streben nach Berufsumschichtung ist, wenn dem Kollektivgefühl und Führungsbedürfnis der Jugend besonders Rechnung getragen wird, so ist die große Gefolgschaft der jungen Menschen erklärt. Die Forderung der Jugend nach jüdischer Bewußtheit und einer dadurch bestimmten Lebensform wird auch erfüllt von der Gruppe, die auf dem Boden großer Tradition mit einer Fülle von Bräuchen und Riten in der Lage ist, jede kleinste Handlung alltäglichen Lebens religiös zu erfassen und zu beseelen. Auch hier wird Totalität erreicht (katholische HaltungI). Nur dort findet die Jugend nicht das starke jüdische Lebensgefühl, das sie sucht, wo man ihr über die Modernisierung der Kultform und über eine immer allgemeiner werdende Ethik hinaus nichts für ihr Dasein Wesentliches zu bieten vermag. Das hat seinen tieferen Grund: denn gerade ein Judentum an der Peripherie der erlebten Wirklichkeit ist eben ein durchaus bürgerliches Produkt mit seinem Individualismus und Rationalismus, ein Bildungsjudentum aus den Quellen der Vernunft, das jüdische Bewußtheit und Lebensanschauung weder erhalten konnte noch eigentlich überhaupt wollte, weil ja sein Weltbild bürgerlich und nicht jüdisch bestimmt war. Daher darf Judentum, wie überhaupt die Religion in unserer Zeit, keine Angelegenheit des Bürgertums mehr sein, vor allem nicht in den Augen der Jugend, weil ja die große Masse der Jugendlichen schon nicht mehr zum Bürgertum gehört. Sie sind Angestellte. Und das ist etwas ganz anderes. Größte Abhängigkeit, harte Arbeit, geringes Einkommen, dauernde Gefahr, diese Arbeit noch etwa zu verlieren, keinerlei Aussicht auf wirtschaftlichen Aufstieg oder gar Selbständigkeit, wie es früher das gegebene Ziel des jüdischen jungen Mannes aus bürgerlichem Hause war.1) Das ist das Los breitester Massen gerade *) Vergl. hierzu Alfred Marcus, Die Berufswahl der Jugend. „Der Morgen" VIII, Nr. i, ig32, S. 3i und Max Dienemann „Der Morgen", VII, Nr. 2, 1981, S. 117 ff. 205