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Der Morgen · 1932-08-01 · Heft 3 (August 1932) · p. 206

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 3 (August 1932)
Article
Bürgerlichkeit , Religion und junge Generation
Date
1932-08-01
Page
206 (sequence 7)
Language
German
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Herman M. Sänger der jüdischen Jugendlichen (z. B. im Textilgewerbe oder im Warenhaus). Sie haben sich meist noch Reste der bürgerlichen individualistischen Gesinnung herübergerettet, wollen in der Freizeit noch wie Herren leben, ein Narkotikum, um ihre wirkliche Lage nicht zu sehen: daher die Wichtigkeit guter Kleidung, der Besuch von Cafe, Kino, Bar usw. Das ist die bürgerliche Fassade. Dahinter aber steht ihr wahres Schicksal, Masse zu sein. Denn jeder ist ja heute nur „Mitgliedskarte in einem Kollektivum", „zwei Drittel seiner privaten Seele hat heute der Einzelne in der Garderobe der Massenseele zur Aufbewahrung gegeben", wie Georg Hermann es formuliert hat. Bisher haben diese Lage, die noch längst nicht allen bewußt ist, nur die politischen Kampfverbände auszunützen verstanden. Die jungen Menschen selbst werden sich deshalb meist nicht klar über ihre Situation, weil ihnen nach zermürbender Arbeit für Geistiges überhaupt die Kräfte fehlen. Auf diese Menschen, gerade unter den jüdischen Jugendlichen, wartet die „rote Assimilation" und ihre Proletarisierung treibt sie unaufhaltsam in die gleiche Richtung. Dies würde gleichzeitig Aufgabe der letzten jüdischen Bindung bedeuten, weil ja der restlosen Erfüllung ihres Daseins durch den Kommunismus meist nur ein Bildungsjudentum, eine geistige Verzierung bürgerlichen Lebens gegenübersteht, ebenso unwichtig und nutzlos wie. die Nippes auf den Etageren der Salons, die diesen Menschen nichts mehr zu bieten hat. Ihr grausam vereinfachtes Leben verträgt keine wertlosen Ornamente. Und doch hätte die Religion gerade für ihr richtungsloses Dasein eine ungeheure Aufgabe: ihm Form, Inhalt und Ziel zu geben. Die Situation liegt ähnlich wie im Mittelalter, als die Religion die große, wesentlichste Möglichkeit zur Vergeistigung des Lebens war. Sie muß heute den Menschen helfen, ihre Lage durchzudenken, damit sie wirklich zu der Einsicht kommen, daß eine neue geistige Fundierung ihres Lebens bitterste Notwendigkeit ist. Erst an diesem Punkt kann die Religion dann als aufbauender Faktor der neuen Gesellschaft wirken, aber nur dann, wenn sie einen Plan, eine praktische Parole mitbringt, die ihr heute fehlen. Die lange vernachlässigten sozialen Gestaltungsgedanken des Judentums müssen jetzt, wenn überhaupt je, wieder zu ihrem Recht kommen. Es muß gelingen, aus diesen alten, zu Unrecht vergessenen Ideen für die heutige Lage wichtige und produktive Vorschläge zu entwickeln. In bezug auf das Judentum hat das Wort Werf eis einen tiefen Sinn: „Ist der Sozialismus gehässig antireligiös, so kann der wahrhaft religiöse Geist dennoch nur tief sozialistisch sein". Auch Eva Reichmann-Jungmann hat bereits auf 206

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