Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Bürgerlichkeit , Religion und junge Generation
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 204 (sequence 5)
- Language
- German
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Herman M. Sänger loses Vermächtnis einer abgetanen Zeit. Es herrscht deshalb, wie Hofmannsthal sagte, ein Zustand geistiger Anarchie unter den jungen Menschen, aber produktive Anarchie, die den Willen zum Neuen aus eigener Kraft in sich trägt. III. Die Religion und das Leben der jungen Generation „Wahre Anarchie ist das Zeugungselement der Religion", sagt Novalis. Unsere Zeit hat Raum für solche neue Religion, neu freilich nur in dem Sinne, als sie die lange vernachlässigte Beziehung zum Leben und zum Mitmenschen wieder aufnimmt. Gerade junge Menschen stellen an sich eine Wendung der religiösen Energien zum Diesseits fest. Man spricht von Soziologisierung der Religion und meint damit das Einströmen früher religiös gebundener Energien in politische und soziologische Zusammenhänge, wie Staat, Nation, Klasse usw. Dieser Begriff läuft freilich mehr auf einen „Ersatzaffekt" hinaus. Deswegen bleibt die Frage nach der Wirkungsform und -möglichkeit der Religion noch ungelöst. Der Katholizismus hat ein feines Ohr für die Stimme der Zeit. Er ist in der Anwendung dieser Erfahrung bereits vorangegangen und hat die Wendung zum Diesseits — innerhalb seiner Möglichkeiten — vollzogen, gefolgt, wenn auch zögernd, vom Protestantismus. (Zusammenfassung der Jugend zu politisch-kirchlichen Kampf verbänden, wie die junge katholische Aktion, die sozialistischen Protestanten.) Dem Katholizismus gehört deshalb ganz besonders die Sympathie eines großen Teiles der jungen Generation, wenn auch nicht ihre glaubensmäßige Überzeugung. Hans Bach hat schon in seinem wertvollen Aufsatz 1) die „katholische Haltung" junger Menschen erwähnt, von der Dingraeve spricht, diesen Zusammenklang von Mittelalter und Romantik.2) Diesseitigkeit, Verwirklichung ist aber besonders dem Judentum eigen. Buber hat das tiefste Wesen jüdischer Religiosität in die Worte gefaßt: „Gott wahrhaft lieben heißt, ihn ganz ins Leben ziehen". Wir müssen jetzt, wo man neue Formen menschlichen Zusammenlebens sucht, daran denken. Dadurch, daß man die Forderungen einerneuen Wirtschaf ts- und Lebensform nicht anerkannte,!) Hans Bach, Was kommt danach? „Der Morgen", VIII, Nr. i, ig32, S. 4- 2) Leopold Dingraeve. Wo Stent die junge Generation? Schriften der „Tat", io,31. Man vergleiche etwa seine Ausdrücke „geistige Rangordnung, stufenweise Vermittlung innerer Güter" mit Hölderlins Versen: Immer stehet irgend Eins zwischen Menschen und ihm Und treppenweise steigt Der Himmlische nieder. 204