Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Bürgerlichkeit , Religion und junge Generation
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 203 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895511-2902400--05875-2902469- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bürgerlichkeit, Religion und junge Generation der neuen Welt der Technik, der Masse und des Geistes nicht fortgedacht werden kann. Diese Feststellung Flakes1) berührt sich mit dem Gedanken Bubers, der auch Religiosität als schaffendes Prinzip von Religion als organisierendem Prinzip trennt. Die Haltung zur Religion ist nur ein Teil des großen geistigen Umbaus, den die junge Generation bewirkt und erlebt. Das Wissen um dies innere Neuwerden erklärt vieles: Immer wieder wird festgestellt, daß die komplette Verzweiflung vieler junger Menschen weit häufiger aus geistigseelischer als aus physischer Not stammt. Deshalb entspricht die Lebensphilosophie ernstem Bedürfnis. Ein Streben nach innen ist ja überhaupt allem zeitgenössischen Denken eigen. Von Spengler, der von der Seele aus die Geschichte des Menschen erschließen will, führt eine Linie bis zu so anders gearteten Gestalten wie Werfel oder Wassermann, die die Jugend zu Innerlichkeit und zum Leben im Geiste aufrufen. Das aber ist auch Wesen und Wirklichkeit aller Religionen: Innerlichkeit und Leben im Geiste. Der Boden, den das Bürgertum nicht bot, wäre nun wieder frei für das Wirken der Religion. Das zeigt ebenso ein Blick in das tagliche Geschehen wie die Beschäftigung mit der Dokumentenliteratur unserer Zeit. Das bewußte Abhängigkeitsgefühl und Führungsbedürfnis breitester Massen, gerade unter der Jugend, das ja besonders im politischen Leben dauernd in Erscheinung tritt, der Wille, das Dasein von einem Punkte aus zu meistern, der Ruf nach Bindung und Gemeinschaft: das alles. sind Elemente religiösen Empfindens in der Erscheinungsform von „Ersatzaffekten". Nun darf man freilich nicht etwa ohne weiteres wegen der Angriffe auf die religionsfeindliche Bürgerlichkeit glauben, daß damit auch die Wirkungsmöglichkeiten der Religion automatisch wiedererscheinen. Die geringe Wertung der Religion innerhalb der bürgerlichen Weltanschauung, bildet heute die ererbte Grundlage der betonten Diesseitigkeit der Jugend. Jedes Gefühl, das überhaupt irrationalen Charakter hat, wird fest an die erlebte Wirklichkeit gebunden. Es wirkt manchmal wie eine Scheu vor dem Irrationalen, das man auf der anderen Seite wieder wünscht und betont. Diese Eigenart zeigt sich in einem Ausdruck wie „Heroismus des Alltags" genau so wie in Kästners „Gebrauchslyrik". Dazu kommt noch das Streben nach Traditionslosigkeit, der Wille, voraussetzungslos die neue Welt zu schaffen. Dieses Zerreißen der Fäden bedroht gerade das letzte überkommene Kerngefühl, die Religiosität, als nutzx) 9tto Flake, Bilanz, Versuch einer geistigen Neuordnung. Engelhorn, Stuttgart ig5i. 203