Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Bürgerlichkeit , Religion und junge Generation
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 201 (sequence 2)
- Language
- German
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Herman M. Sänger: Bürgerlichkeit, Religion und junge Generation Assimilation muß deshalb als Ausdruck des Selbsterhaltungswillens verstanden werden, als ein Versuch, die negative Einsicht: „so geht es nicht weiter" zu wandeln in eine Bejahung der Zukunft auf neuer Grundlage. Vor einer neuen Entscheidung muß man die bisherige Entwicklung übersehen. Welche Rolle spielte das Judentum als Religion in den letzten vier Generationen? Es kann nicht mehr zweifelhaft sein, daß die Befürchtungen der katholischen Kirche im 18. Jahrhundert, daß die Warnung Schleiermachers vor den Gefahren des bürgerlichen Lebens und der bürgerlichen Weltanschauung für die Religion durchaus begründet waren. Die Entwicklung in Protestantismus und Judentum vor allem hat es erwiesen. Wir Juden kennen das oft wiederholte Spiel: Der Großvater noch ein kleiner, traditionsfrommer Händler, der Vater, schon wohlhabend; er hat bereits Verständnis für freiere Ansichten; der Sohn ist dann — Drei-Tage-Jude, ein gebildeter Freigeist, und der Enkel wächst religionslos auf. Es braucht nicht immer so lange zu dauern. Aber das Ergebnis bleibt bestehen, von moderner Forschung bestätigt: schon in der berechenbaren Weit des Bürgers hat die metaphysische Sinngebung des Lebens keinen Wert mehr; die Religion steht außerhalb der Sphäre täglichen Geschehens, sie hat keinen Einfluß mehr auf die Gestaltung des Daseins. Sie war nicht wie im Mittelalter Lebensgrundlage, lieferte nicht mehr Maßstab und Wertung für alles Geschehen; sie wurde lebensfremd und immer mehr zum überflüssigen Ornament. Die Religion wurde schließlich dazu degradiert, dem niederen Volk als Trost in seiner oft traurigen Lage zu dienen, also als psychisches Heilmittel gegen die sozialen Nöte. Diese Auffassung hat ja dann die kommunistische Propaganda gegen die Religion geschickt aufgegriffen mit ihrem „Opium fürs Volk". Das Bürgertum hat mit Hilfe des Rationalismus die Religion aus seiner Lebenssphäre ausgeschaltet und ihr nur ein bescheidenes Dasein an der Peripherie gestattet: ..Man könnte in diesem Sinne sagen, daß der Unglaube des Bürgers zu den Grundvoraussetzungen selbst seines Sozialtypus gehört." II. Die geistig-religiöse Lage der jungen Generation Kann sich das bei der heutigen allgemeinen Revision der Wertungen ändern? Die antireligiöse Haltung des Kommunismus ist zum Teil zweifellos 1) B. Grpethuysen, Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung in Frankreich, Halle 1927/30, II, 21S. 201