Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Vom Wesen der Gemeinschaft
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895511-2902398--05855-2902451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vom Wesen der Gemeinschaft rein rationalistischen Aufklärung-. Sie war es, aus der ein atomistisches Denken, eine Überbetonung des Individualismus erwuchs; und da sie das Denken einer ganzen Epoche prägte, unterlagen auch die Juden diesem Einfluß. Sie unterlagen ihm, weil er das gesamte deutsche Denken bestimmte, und weil das Mitleben mit diesem Denken und Fühlen zugleich Ausdruck ihrer geschichtlichen Verbundenheit mit dem deutschen Geistesleben war. Sie unterlagen ihm wider ihren Willen, denn er löste auch sie selbst in ihrem Gememdezusammenhang auf. Es war ein außerhalb ihrer selbst erwachsenes Denken, dem sie erlagen, ein Denken, das nicht im Zusammenhang mit einer aus ihnen selbst gewordenen Auffassung sich entfaltete. Sich um so eher entfaltete, als allgemein die Menschen mehr soziologischen Gesetzen als den Motiven ihrer Religiosität folgten. Je deutlicher sich aber hierin eine Wandlung vollzieht, um so mehr fällt auch diese zeitweilige, den eigenen Bestand gefährdende Anpassung an ein außerhalb des Jüdischen erwachsenes Denken und Fühlen fort, und die auch in den Perioden des stärksten Individualismus niemals ganz unterdrückten ursprünglichen Seeleninhalte heben sich wieder empor. Es ist nicht eine erneute Anpassung an ein wieder gewandeltes Fühlen, sondern Rückkehr zu Verschüttetem, das im Unbewußten immer fortgelebt hat. Der Jude, der aus seinem Unbewußten handelt, und erst recht jener, der sein Unbewußtes über die Schwelle gehoben hat und aus hellem Wachsein handelt, kann gar nicht anders als überall und in allen neuen Wandlungen und Formungen Gemeinschaft und Volkstum als ein Überindividuelles betrachten. Gemeinschaft und Volk selbst sind Formungen, die sieb im Laufe der Jahrhunderte immer neu gestalten und wandeln; Geschichte, Landschaft, Erlebnisse lassen Menschen aus einer Gemeinschaft herausfallen, führen neue Menschen als ein Überindividuelles; sie duldet nichts Atomistisches. Das Willenselement kann akzessorisch hinzutreten, Wille reift und verlangt nach Mitbestimmung, es kommen Wandlungen, die dem Willen des Einzelnen Raum geben, ja nach ihm verlangen, ihn fordern; das Tragende und Leitende bleibt das Überindividuelle, — so ist jüdische Auffassung. Sie wurzelt, und das auszuführen darf nicht unterlassen werden, im Religiösen. Volkwerdung, Gemeinschaftsbildung ist ihr ein Walten Gottes, ein Aufgerufenwerden von Gott. Aber es ist ein Unterschied zwischen der jüdischen und der herrschenden neuzeitlichen Auffassung. Diese redet allerdings von dem „Geist des Ganzen" und der „Substanz", aber hier ist nur die Redeweise der Religiosität ohne deren Inhalt. Hier tritt an Stelle einer fest in sich 185