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Der Morgen · 1932-08-01 · Heft 3 (August 1932) · p. 183

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 3 (August 1932)
Article
Vom Wesen der Gemeinschaft
Date
1932-08-01
Page
183 (sequence 3)
Language
German
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Vom Wesen der Gemeinschaft Passivischen aber schlägt mit einer betonten Schärfe das Überindividuelle, den Einzelnen Packende, ihm Richtung Gebende der Gemeinschaftsbildung durch. Als die Propheten den Individualismus ihrer neuen Religiosität begründeten, — jenen Individualismus, an den im Laufe der Geschichte die Reformation sich anlehnte und mit dem man im Judentum sich dagegen wandte, daß jemand für fremde Schuld, und sei es selbst der Eltern Schuld, büße, — meinten sie damit das Verantwortungsbewußtsein, das Pflichtgefühl des Einzelnen zu schärfen, indem sie ihn stärker auf sich selbst stellten, aber sie dachten nie daran, ihn so zu isolieren, daß nun Gemeinschaft nur von ihm abhängig sei. Was in der Bibel schon sich offenbart, kommt in der Haggadah, die an Stelle der fehlenden Dogmatik über die herrschenden Gedankengänge Aufschluß gibt, zum Ausdruck. Von jener Offenbarung, mit der Gemeinschaft begründet wurde, berichtet sie in ihrer eigentümlichen und charakteristischen Ausdrucksweise: „Als die Israeliten am Fuße des Sinai standen, stülpte der Heilige, gelobt sei er, den Berg über sie gleich einem Bottich und sprach zu ihnen: wollt ihr die Thora annehmen, gut, wenn nicht, so findet ihr hier sofort euer Grab" (Talmud Sabbath 88a). Sinn dieser Haggadah ist wiederum, mit aller Deutlichkeit zu sagen, daß Menschen in die Gemeinschaft mit ihrer Aufgabe hineingezwungen werden, ehe sie sie noch aus ihrem Willen aufnehmen und bejahen. Schließlich sei noch eine Haggadah-Legende angeführt, die das vom Einzelnen unabhängige Hineingerissenwerclen in Gemeinschaft zum Thema hat. „Als Israel am Sinai stand, um die Thora zu empfangen, sprach der Heilige, gelobt sei er, zu ihnen: ich gebe sie euch nicht eher, als bis ihr mir gute und sichere Bürgen stellt, daß ihr sie auch treu bewahren und halten werdet. Sprachen sie: die Erzväter werden für uns bürgen, kann es bessere Bürgen geben? Da antwortete der Heilige, gelobt sei er: diese Bürgschaft genügt mir nicht. Ich habe gegen die Väter mancherlei Klagen. Ihr müßt mir. bessere Bürgen stellen, damit ich sie euch gebe. Sprach Israel: dann werden die Propheten, die einst uns erstehen werden, Bürgen für uns sein. Da antwortete der Heilige, gelobt sei er: ich habe Unmut auch über sie; sie werden auch ihre Augenblicke haben, in denen sie schwach sind und ihrer Aufgabe nicht gerecht werden, ihr müßt mir tauglichere Bürgen stellen, dann erst kann ich euch die Thora geben. Da sprach Israel: so sollen unsere Kinder für uns einstehen. Jetzt antwortete der Heilige, gelobt sei er: das ist eine Bürgschaft, die mir gefällt, auf diese Bürgen hin gebe ich euch die Thora. (Midrasch zum Hohen 183

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