Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Streifzüge durch die wissenschaftliche und scheinwissenschaftliche Rasseliteratur [Rezension]
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 169 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Streifzüge durch die wissenschaftliche und scheimvissenschaftliche Rasseliteratur eher erhöht als vermindert. Die Wirtschaft aber zwingt zur Extensivität. Das ist die wahre Tragik des deutschen Volkes und die wahre Sorge seiner Freunde. Die ewigen Untergangsprophezeiungen und Miesmachereien sind schädlich, ja verächtlich. Solange der Boden wirtschaftlich tragbar ist, solange gutes Saatgut aus einem genügenden Vorrat an Kompensationsreserven in die Furchen fließt, solange hat's keine Not. Den Miesmachern sei gesagt — es sind dieselben, die 1918 jeden Verdacht von Miesmacherei vom Ofen aus verdammten — daß das deutsche Volk noch über herrliche Kombinationsreserven verfügt; diesen Leuten sei gesagt, daß die Jugend von 1932 in ihrem Streben der Langemarck- Jugend von 1914 würdig ist, daß aber der wirtschaftliche Boden des Volkes zur Extensität des Volkslebens zwingt. Es macht einem im großen Stoff- und Kraftwechsel befindlichen Volksprozeß nichts aus, wenn er jährlich Tausende von Asozialen zu den verunglückten Stoffwechselschlacken zählen muß. Der Prozeß schleudert Asoziale und in naher Koppel hohe Ethiker aus seinen Tiefen, denn hohe Ethik ist schon erhöhte Wachsamkeit gegen den asozialen Grenzraum; man meint heute einen in abgedrehte Bahnen gelenkten Prozeß zu heilen, wenn man Asoziale ausmerzt. Eine einseitig betonte Eugenik schadet dem Volk, denn sie nimmt ihm den Glauben an die Grundtiefe des ungeheuren Kraftwechselprozesses; sie malt wie Tacitus die Drohung an die Wand und beschleunigt den Schrumpfungsprozeß. Eine solche Eugenik sieht nur Oberflächenerscheinungen. Sie wirkt verflachend, statt vertiefend. Die wahre Eugenik der Zukunft kann nur volkstümlich tief entstehen; denn Gesellschaftsschichtungen, deren Anwalt die Eugenik von heute nicht selten ist, sind ja differenzierte parenchymatische (das heißt lebendige) und sklerenchymatische (das heißt verholzte) Gewebe und keine Kambien. Das undifferenzierte Kambium (das heißt die zellvermehrende Schicht) aber entscheidet allein, ob die Jahresringe einesVolkes ihreHöchstzahl erreicht haben oder ob sie von größeren Kreisen um woben werden. Das Buch von Gründel ist kein Miesmacher-Buch, es ist ein aufrichtendes Buch, und die Kritik gilt vor allem dem Teil des Buches, der sich verlieren will. Es war notwendig, hier ausführlicher auf eugenische Fragen einzugehen. Namhafte Vertreter der offiziellen Eugenik haben das Volksgefühl weitgehend zerstören helfen, ohne dafür einen Gewinn verzeichnen zu können, der den grausamen Verlust auch nur annähernd aufwiegen könnte. Man hat Pariagefühle und falsche 169