Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Religiöse Frauenlyrik
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 153 (sequence 3)
- Language
- German
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Religiöse Frauenlyrik Es stürmt dagegen in der Seele der jüdischen Dichterin in wildem Aufbegehren und sie, die „so still in der Seele Gottes geruht hat", möchte sich nun „in rasendes Meer stürzen von schreiendem Herzblut". Demut und Ekstase, die beiden wesentlichen Elemente des Religiösen, sind in diesen beiden Dichterinnen in getrennter Reinheit verkörpert. Während man Ruth Schaumanns gesamte Lyrik, auch die Liebesgedichte, als religiöse Lyrik ansprechen kann, ist von Else Lasker- Schülers Lyrik zu sagen, daß sie auch in ihren religiösen psalmenartigen Liedern immer die hinreißenden und bezaubernden Töne ihrer Liebeslyrik beibehält. „0 Jonathan, du Blut der süßen Feige, Duftendes Gehaug an meinem Zweige, Du Ring an meiner Lippe Haut, Durch den ich wieder neu und scheu mich sehne." Ruth Schaumanns Rhythmen sind immer wieder die alter Kirchenlieder, und gerade aus der Spannung zwischen volkhaft gegebener Melodie und erlesener "Wortsetzung gewinnen viele ihrer Gedichte ihren besonderen Zauber. Sie hält sich bewußt in dem stützenden Rahmen gegebener Rhythmen, während Else Lasker-Schüler auch das Wagnis gelingt, erstmalig ausgesprochene Dinge, in einem engeren Sinne oft „Ungereimtheiten" im gewohnten Wellenschlage der Prosasprache ganz unmittelbar hinzusagen. Man darf da nur Stellen aus Gedichten gleichen Inhalts wie etwa „Sulamilh" von beiden Dichterinnen vergleichen: „Keine Sonne sucht im Grau zu mir her. Aber meine innre Schau glänzt so sehr" so singt es im tiefen Kirchen ton in dem Gedicht Ruth Schaumanns; bei Else Lasker-Schüler aber heißt es: „und die Nachtwolke trinkt meinen tiefen Zederntraum ... und meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems." Man hat Ruth Schaumann in der Literaturgeschichte bereits unter den Begriff der „Neuen Sachlichkeit" gegenüber dem romantischen Expressionismus der Lasker- Schüler eingereiht. Das mag berechtigt sein, sofern man „Sachlichkeit" in dem viel glücklicheren und künstlerischeren Begriff „Dinghaftigkeit" erschöpft sehen will. Tatsächlich ist auch für das Hereinreichen der bildendkünstlerischen Fähigkeit in ihre Lyrik das besondere nahe Befreundetsein mit den Dingen charakteristisch, die sie auf mannigfaltige Weise zu beleben weiß: in ihrem „Passional" springt eine Scherbe zu Boden „wie der Seufzer einer Seele", die ausgegossene Salbe blüht und zwitschert schwalbengleich durch die Stille, im „stummen Leuchten" des Linnen, im Blinken der Teller „so gering" fühlt sie die Stimmung der Abendmahlsstunde widergespiegelt so wie auf Bildern alter Meister der Legendendarstellung. Bei allen noch so kühn gewählten Vergleichen ist jedoch letztes Erinnern an das Sosein und Erfahrenhaben des betreffenden Dinges nie ganz ausgelöscht. Wie in einem vor uns stehenden Bildwerk ist alles substanzhaft durchgefühlt. Else Lasker-Schülers kosmische Schau kennt nicht diese nahe, enge Beziehung zu den Dingen. So wie sie in iliren Zeichnungen ganz Ausdruckskünstierin ist, so schmilzt sie auch in ihrer Dichtersprache alles Gegenständliche um. Es gehört daher, da ihre Bilder nicht ohne weiteres von vornherein „einfühlbar" sind, ein ganz anderes Maß an innerer Flugbereitschaft dazu, ihren Tiefen und 153