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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 152

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Religiöse Frauenlyrik
Date
1932-06-01
Page
152 (sequence 2)
Language
German
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Margot Rieß herkommende moderne Mystikerin Anna Schieber. Sie weiß viel vom „Bruder Tod" zu sagen und von der Gottgewolltheit auch alles menschlichen Leidens und Irrens. Ihre Religiosität ist schlichtes liebendes Sichverschwenden, beseligtes Aufgeschlossensein für den sie umflutenden Strom der göttlichen Liebe, und sie will selber „strömen, sehnlich, grenzenlos, heimkehrend in des Ursprungs Gottesschoß". Als ein großes Sich-Heimwärtssehnen ist aber auch die glühende Religiosität der überragenden jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler zu begreifen, die man „den schwarzen Schwan Israels" genannt hat, die sich in ewigem fieberndem Sehnen nach einer letzten Seelen- und Gottheimat verzehrt. „Gebete Gottes an den Menschen aus seiner dringenden Liebe heraus" schrieb Mechthild Lichnowsky inWiederaufnahme uralter mystischer Vorstellungen von der Abhängigkeit des Schöpfers von seinem Geschöpf. Man könnte wohl noch manche Dichterin der Vergangenheit und Gegenwart nennen, deren Verse als notwendiger Ausdruck ihres religiösen Empfindens bemerkenswert sind. Doch interessieren uns hier vor allem die prinzipiellen Möglichkeiten und Begrenzungen auf dem Gebiete der religiösen Frauenlyrik an sich. Diese aber lassen sich vielleicht am besten begreifen in der extremen Polarität der beiden schon erwähnten begabtesten Lyrikerinnen der Gegenwart, Else Lasker-Schüler und Ruth Schaumann. Dem äußeren Inhalte nach berühren sich beide miteinander: Ruth Schaumann besingt in vielen ihrer Gedichte (in der Sammlung „Rebenhag") wie Else Lasker- Schüler in ihren bereits im Jahre iai3 erschienenen „Hebräischen Balladen" Gestalten des alten Testaments. Innerer Gehalt und Formensprache jedoch sind bei beiden Dichterinnen grundverschieden; beider Lyrik reicht auch dicht an den Rand einer jeweils anderen Kunst. Angesichts der ruhevoll-gerundeten Geschlossenheit der Verse Ruth Schaumanns denken wir an plastische Formgesetzmäßigkeit und wundern uns nicht, zu hören, daß diese Dichterin nicht nur einer Muse dient. Ihre religiösen Visionen stellt sie auch in plastischen Gruppen und Gestalten und in strengen Holzschnitten dar. Else Lasker-Schüler illustriert ebenfalls ihre Dichtungen zum großen Teile selbst, doch führt uns ihre heftige dynamische Liniensprache näher an musikalisches Gebiet, dem sie nahe vertraut ist. Wir fassen daher in dem gewohnten Begriffspaar apollinisch und dionysisch den künstlerisch-formalen Gegensatz am ehesten. Weiter aber spiegelt sich in ihrer so verschiedenen Stellung zum Göttlichen auch das Frauentum beider Dichterinnen deutlich wider. Ihrer übergroßen immerwährenden Leid- und Duldensbereitschaft steht die kühne Agressivität der prometheisch fordernden Else Lasker- Schüler gegenüber, ein Zug, der beide Frauen am wesentlichsten unterscheidet. Bei Ruth Schaumanns Gedichten denkt man oft an barocke Darstellungen der heiligen Theresa, die mit verzückter Gebärde die Wunden von der Hand des Engels empfängt. Denn: „Jedwede Rute ist ein Geigenspiel, Jedweder Speer ist eine klare Flöte Und jeder Pfeil ein Röhrlein der Schalmei Und alle rauschen auf zum Lobgesang, Sobald sie sich in meinen Leib geschlagen." 152

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