Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Religiöse Frauenlyrik
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 154 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Margot Rieß: Religiöse Frauenlyrik Höhen frei vertauschenden, Ferne und Nähe durcheinanderwirbelnden Vergleichen zu folgen: „Abels Augen sind Nachtigallen". „Um seine Schultern schlägt er wild das Dickicht". Rebekkas Magd „trägt einen Stern im Angesicht", Esthers Herz „ruht nachts auf einem Psalme". Sie läßt die Dinge nicht in ihrer eigenen fruchthaften Schwere ruhn, sondern läßt sie aufflammen und wogen, rauschen und glitzern. Formal ausgedrückt: Statisches lost sie mit Vorliebe in Dynamik auf, nicht als bewußte Absicht, vielmehr als unwillkürliches dichterisches Geschehen. Darum ist auch ihr adäquates Formgebiet der freie Rhythmus, das von Ruth Schaumann der in sich schwingende im Reim gerundete Strophen vers. Die Verschiedenheit der inneren Struktur, die sich am besten eben in der Polarität von Nähe und Ferne begreifen läßt, äußert sich im Verhalten der ganzen Umwelt gegenüber. Eine bis zum Religiösen gesteigerte franziskushafte Tierliebe ist beiden Dichterinnen gemeinsam. Aber bei Ruth Schaumann geschieht auch diese Einfühlung ganz aus der greifbaren innigen Nähe heraus: „das Haupt des kleinen Hasen lege ich an meine Brust, daß eins das andre wärme". Für Else Lasker-Schüler aber ist es bezeichnend, daß sie nicht nur mit allem Organischen fraulich-erdhaft sich verbunden fühlt, sondern daß sie auch „mit den Sternen wie mit ihren Brüde n" redet. Wie überhaupt die Einbeziehung des Kosmischen ihre Phantasie gleichermaßen steigert und bändigt. In ihren eigenartigen Raum-, Zeit- und Zahlandeutungen finden wir dafür einen sprachlichen Ausdruck: „ein Tropfen Leben lang", „weltalt", „zwölf Morgenhellen weit", Gottes „tausendseliges Licht", „zehntausend Erdglück". „Ich war dazu bestimmt, Tempeldienst auszuführen, ich hätte Gott Heilige gepflückt von den Ufern leiser Ströme", schreibt sie einmal in ihren Briefen. Sie sehnt sich zurück nach ihrer Gottgeborenheit und Gottgeborgenheit. Hier, in der modernen abendländischen Welt fühlt sie sich, die mit den tiefsten Erinnerungen ihres Blutes sich ihrem Volke verbunden weiß, wie in der Verbannung, heimatlos und fremd, „so in die Zeit gegeben, als ob ich abgeblüht hinter des Tages Ende zwischen weiten Nächten stände, alleine." Ruth Schaumann dagegen, die sich aus ihrem Kindsein nie ganz verlor, ist überall beheimatet und geborgen, im Dort wie im Hier, das ihr in all seinen noch so geringen Erscheinungen ja nichts als eine Spiegelung des Ewigen ist. Deshalb kann sich bei ihr auch alles Leid in einem letzten Wohlklang auflösen; im Gegensatz zu der oft schrillen Problematik der Else Lasker-Schüler glaubt sie an ein „Lösen aller Fehle". „Alle Härten aber tröstet weich / eines Frühlingsregens Nieder tauen"; dieser Vers bezeichnet ihre ganze versöhnlich-gottselige Glaubensfreudigkeit. Aus diesem verheißungsvoll-tröstenden „Dennoch" lebt ihre Religiosität, ihre religiöse Lyrik. Else Lasker-Schülers Gedichte jedoch sind fast alle von dem Weh der ewig Friedlosen schmerzhaft durchzuckt. Und doch darf gerade für ihre Lyrik das Psalmenwort gelten: „Duhast mir meine Klage verwandelt in einen R eigen." 154