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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 151

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Religiöse Frauenlyrik
Date
1932-06-01
Page
151 (sequence 1)
Language
German
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Religiöse Frauenlyrik Von Margot Rieß Wenn die bei Ricarda Huch ausgeführte Meinung zu Recht besteht, daß der schöpferische Mann auf der Höhe seines gesteigerten Persönlichkeitsbewußtseins „der geborne Widersacher Gottes" sei, das frauliche Bewußtsein dagegen im Grunde nicht Selbstbewußtsein, sondern Gottbewußtsein ist, so wäre unser Thema „Religiöse Frauenlyrik" damit in einem spezifischeren Sinne gerechtfertigt; d. h. es handelte sich nicht mehr um eine willkürlich gewählte Zusammenstellung, sondern um das Darstellen einer gegenseitigen Bedingtheit: religiöses Frauentum, frauliche Religiosität — passives empfangendes Schöpfertum. Tatsächlich ist die Lyrik der stärksten weiblichen Begabungen seit den Visionen und Offenbarungen der heiligen Hildegard von Bingen und Mechthild von Magdeburg im Tiefsten religiös gerichtet. In neuerer Zeit hat die große Gottsucherin Annette von Droste-Hülshoff in ihrem „Geistlichen Jahr" die schon moderne Zwiespältigkeit zwischen forschendem Intellekt und hingegebener Gläubigkeit mit erschütternder, schmerzhafter Eindringlichkeit dargestellt. „0 bittre Schmach, mein Wissen mußte meinen Glauben töten!" so bricht es aus ihrer gequälten Seele, und „du Sündenkind!" nennt sie sich in tieferlebter Reue über das Brausen und Glühen eitler Leidenschaften in „ihrer wüsten Brust Verließ". Doch weiß sie sich Trost in dem Gedanken, daß sie, die von Glaubensnot, Todesangst und Lebensinbrunst hin und her Geworfene, der färb- und duftlosen Blume am Wüstenrande gleicht, die bestellt ist, „den frommen Tau zu hüten und dem Verschmachtenden ihn leis' in ihrem Kelche anzubieten". Aus dunkelstem Irren und Versagen wächst ihr Segen und Wissen um endlichen letzten Frieden: „dann wird wie Rauch entschwinden eitler Weisheit Nebeldann schau ich auch [ Schemen und meine Freude wird mir niemand nehmen." Ihrer herben Dichterkraft gegenüber steht heute die kindhaft-gottgläubige Katholikin Ruth Schaumann, deren Dichten ein gelassenes Treiben- und Wachsenlassen aus ihres Wesens Mitte ist, die Gottes Anruf in dem Wort vernahm: „0 Kind, sei Flachs und blüh!" — Dichterisch wohl nicht auf gleicher Höhe aber im religiösen Erleben besonders erschüttert ist die von protestantischer Seite 151

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