Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Der Aufruhr gegen den Geist
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 149 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Aufruhr gegen den Geist mehr ist es so, daß Wechselwirkungen auf beiden Seiten sich ergaben. Kein Wunder, da er wie seine Gegner unter der Wirkung der gleichen gemeinschaftsfördernden Einflüsse stand. Auch die Gegner des Zionismus sehen im Judentum heute nicht mehr lediglich eine freiwillige Zusammenkunft geistig gleich bewegter Menschen jüdischer Konfession, sondern sie wissen gleichzeitig um das Zusammenströmen desselben Blutes. Allerdings, sie machen diese Blutsgemeinschaft nicht zum alleinigen, zum wesentlichsten Kriterium ihres Judeseins. So beginnt sich ein neuer Typ des deutsch-jüdischen Menschen zu bilden; wer die kommende Generation aufwachsen sieht, gewahrt, daß nicht mehr um Deutsch] udentum — Nationaljudentum ihre Diskussion schwingt, sondern daß ihr das Bewußtsein von der geistigen, kulturellen Sonderart und von dem gemeinsamen Blutszusammenhang etwas Selbstverständliches.. Gewachsenes ist, das man nicht mehr, wie die Früheren, in den Diskussionen langer Nächte sich erringen muß. Geht die deutsche kommende Generation denselben Weg? Wird der Geist den Aufruhr des Ungeistes abschlagen? Wer an die Geschichte glaubt und von ihr weiß als von der großen, wahren und unbestechlichen Lehrmeisterin, der verliert auch im Dickicht nicht die Sicherheit dessen, der den Weg kennt. IL „Deutsche Kulturrevolution. Weltbild der Jugend." Vor mir liegt ein Buch, das diesen Titel trägt. (Herausgeber Werner Deubel, Verlag für Zeitkritik Berlin.) Acht Menschen — von denen einer übrigens anscheinend Jude —, dem Alter nach der Jugend zugehörig, geben uns hier eine Darstellung ihres Weltbildes. Wer ist Jugend? „Jugend", sagt Hans Kern, „das heißt hier nicht ,Generation' nach Ausweis des Geburtsscheins, denn von ihr haben sich erschreckend viele mit Fanatismus in die Front des Verderbens nach rechts und links eingereiht." Was also denn soll Jugend sein? „Vor dieser Jugend", sagt Werner Deubel, „als dem Drang zur Erneuerung aus den Mächten des Blutes und der Seele, also des Lebens heraus gegen die Mächte der Geistwerte und des Machtwillens, also des Todes, hat sich jede Generation, und sei sie der jüngste Jahrgang, erst auszuweisen." „Der Geist", sagt Jorg Lampe, „ist kein unmittelbares Wahrnehmungsorgan des Menschen für das Lebendig- Göttliche, ist keine an sich schöpferische, sondern nur eine reproduktiv-konstruktive Funktion." Und ferner: „Die rein begrifflichen Unterscheidungen und Gegensätzlichkeiten zwischen Idealismus und Materialismus sind hierbei als interne Auseinandersetzungen völlig belanglos .. . Ob Abhängigkeit der Materie vom Geist oder des Geistes von der Materie, ist gleichgültig. Die grundsätzliche Abhängigkeit als solche ist das Entscheidende." Versteht man nun, daß solcher Klang unglaublich leicht Eingang fand in Ohr und Hirn derjenigen, deren materielle und ideeliche Grundlagen von den Stürmen dieser Zeit hinweggefegt worden sind? Versteht man nun, daß es Millionenparteien geben kann in diesem Lande, das man einst nicht nur das Land der Dichter sondern auch der Denker genannt hat, Millionenparteien, die überhaupt kein sinnvoll zusammengehöriges, logisch fundiertes Programm haben, sondern die einzig auf dem Glauben, dem fanatisierten „Drang nach Erneuerung 149