Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Der Aufruhr gegen den Geist
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 148 (sequence 2)
- Language
- German
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Ernst Holzer ebener jüdischer Not. Als in den Tagen der Dreyfus-Affäre übelster Judenhaß durch die Straßen westeuropäischer Großstädte keifte, als die Verzweiflung plötzlich und rauh die ihrer Illusionen beraubten Juden ergriff: da vermochten sie nicht mit den gewohnten Denkmitteln diesem machtvollen Angriff auf ihre Rechte und ihre Existenz als Staatsbürger standzuhalten. Es mußte eine neue Auffassung, ein neues Bewußtsein, ein neues jüdisches Gefühlsleben entstehen, das diesen Verzweifelten-Zweifelnden wieder Sicherheit und Stabilität gab. Zionismus, jüdischer Nationalismus, ist die Wiedererweckung des Blutbewußtseins, die Wiederbewußtmachung der engen Blutsgemeinschaft als der einzig tragenden Kraft, der einzigen. Der Aufruhr gegen den Geist, die „deutsche Kulturrevolution", bricht aus in einer Zeit ausgesprochener deutscher Not. Ein verlorener Krieg, eine entkräftete Volkswirtschaft, ein übervölkertes Land, eine Weltwirtschaftskrise von allergrößtem Ausmaß: das sind die Konturen dieser Not. Verzweiflung erfaßt zahllose Deutsche. Bürger und Proletarier sind ihre Opfer. Bürger und Proletarier werden aus ihrem Milieu, ihrem Lebensrhythmus gerissen. Die überkommenen Werte, ihre Werte, versinken. Neben ihnen steht die Arbeitslosigkeit, vor ihnen steht das Nichts. Sinnlosigkeit ist der Inhalt ihres Daseins. Auf den Mangel an Sinn, an ordnender Vernunft, die sie ihrem Leben wie in dem der Gesamtheit völlig vermissen, reagieren sie, indem sie auf die ordnende Vernunft, die planmäßige Durchdachtheit kurzerhand verzichten. Sie entscheiden sich für das Irrationale gegen das Rationale. Ein fanatischer Glaube an das Nahen eines messianischen Reiches — die einen nennen es das Dritte Reich, die anderen Sowjetdeutschland —: das ist es, was diese „Gläubigen" scheidet von denen, die von der Planmäßigkeit allen Geschehens, von der Gesetzlichkeit des Lebens wissen. Und wie der frühe Zionist sich in seine engere jüdische Gemeinschaft zurückziehen wollte, so will sich der Anhänger des sog. Neuen Nationalismus zurückziehen in seine engere völkische Gemeinschaft und sich aus der großen Völkerfamilie der Welt ausschließen; so auch will sich der Kommunist radikal ausschließen aus der Kulturgemeinschaft Europas, die er in allen ihren Erscheinungen durchaus verneint. Der Aufruhr gegen den Geist ist nur zu verstehen als ein Rückfall in eine primitive Denkweise. Konsequent zu Ende gedacht: als ein Rückfall ins Barbarentum. Fremdenfeindlichkeit, geistige und wirtschaftliche Autarkie, Abkehr von einer verfeinerten Zivilisation, Vergottung blutsmäßiger Instinkte: das sind die Zeichsen des Barbarentums, wie wir sie in den verschiedensten Epochen der Menschheitsgeschichte immer wieder sehen. Doch immer wieder kehrten die Menschen zu ihren ewigen Zielen zurück, bekannten sich zu ihrer wirklichen Aufgabe. Wieder ist der Zionismus in gewissem Sinne ein Barometer. Der Zionismus hat sein unvergängliches Verdienst, daß er mitgeholfen hat, jüdisches Selbstbewußtsein zu erneuern und innerjüdisches Leben wieder zu erwecken; auch er war eines der Stimulantien, die auf das neuzeitliche Judentum belebend wirkten. Wir, auch die ihn nicht für sich anerkennen, wissen, was er in dieser Hinsicht leistete. Diese seine Aufgabe aber hat der Zionismus erfüllt. Nun- 148