Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Aus den Jugenderinnerungen Steinthals
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck Vielleicht sind diese beiden Wissenschaften, die psychologische und die pädagogische, heute die, die am meisten ins Leben hineingreifen. In ihnen beiden wirken Gedanken des Mannes fort, von dessen Kindheitserinnerungen die folgenden Blätter Kunde geben. L. B. Es war um das Jahr 1720, als zwei Brüder, Juden, von Landsberg a. d. Warthe, ihrer Heimat, nach dem Städtchen Gröbzig in Anhalt zogen. Es waren hausierende Bücherhändler, welche auf der Reise nach Amsterdam begriffen waren. So jung die beiden Männer waren, mochten 6ie doch die Reise schon ein paarmal zurückgelegt haben, unterwegs benutzte und unbenutzte hebräische Bücher kaufend und verkaufend. Der Jüngere war dieses fahrenden Lebens überdrüssig geworden und faßte den Entschluß, sich in Gröbzig niederzulassen. Von den Verhältnissen der Arthaltiner Juden jener Zeit bin ich nur wenig unterrichtet; doch scheint mir das Folgende nicht ungewiß und nicht ohne Interesse: Das Herzogtum Anhalt war in jener Zeit in vier Fürstentümer geteilt, deren jedes sich zu den Juden verschieden hielt. In Zerhst wurden die Juden gar nicht zugelassen. In Kothen sind sie wohl erst spät, also in diesem Jahrhundert eingewandert. In Bernburg und dem dazugehörigen Ballenstädt im Harz dagegen sind sie wohl schon im siebzehnten Jahrhundert eingewandert. Aus diesen verschiedenen Einwanderungen und verschiedenen Verhältnissen, unter denen die Juden in Anhalt lebten, ergaben sich natürlicherweise verschiedene Charaktere derselben. Nach Dessau wurden die Juden von dem berühmten Fürsten Leopold herbeigezogen. Es mochte dies eine seiner Finanzoperationen sein: denn jeder verheiratete Jude zahlte dem Herzog jährlich Schutz, der ihm gewisses Privilegium gab. Er durfte mit Schnittwaren, auch mit Materialwaren handeln, die Wolle und Felle des Viehs der Bauern kaufen, und auch der Handel mit Metallwaren war ihm gestattet, ebenso der Pferdehandel, aber kein Handwerk. Die Juden durften Häuser erwerben oder auch Ackerbau treiben; der war den Warenhändlern freilich unmöglich, aber den Pferdehändlern nicht unbequem. Infolgedessen bildeten sich in Anhalt-Dessau schnell einige mehr oder weniger blühende Gemeinden. Obenan stand die jüdische Gemeinde zu Dessau, deren Vorsteher ein gewisses Aufsichtsrecht auch über die anderen Gemeinden hatte; wie ebenso der Rabbiner von Dessau Landrabbiner war. Berühmter aber war die Gemeinde zu Jeßnitz durch eine hebräische Buchdruckerei, aus welcher viele vorzügliche Werke hervorgingen. Ich nenne noch Gröbzig, Sandersleben, Wörlitz. In Gröbzig ließ sich der junge Buchhändler, mein Urgroßvater, nieder. Sein Bruder indessen zog weiter, und viele Jahre vergingen, ohne daß sie voneinander hörten. Wie mein Urgroßvater Elasar sein Leben verbrachte, weiß ich nicht. Als er in seinem Alter wieder einmal nach Amsterdam zog, kam er unterwegs in einer holländischen Stadt an und beabsichtigte dort den Fasttag um die Zerstörung Jerusalems zu begehen. In der Synagoge fragte ihn der Synagogendiener, 142