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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 143

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Aus den Jugenderinnerungen Steinthals
Date
1932-06-01
Page
143 (sequence 3)
Language
German
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Aus den Jugenderinnerungen Steinthals woher er sei. Als er antwortete, er sei wohnhaft in Gröbzig, sagte ihm jener, daß in dieser Gemeinde ein Mitglied den Namen Gröbzig führe; und da auch der Vorname dieses Mannes mit dem seines Bruders übereinstimmte, so zweifelte er nicht, hier seinen Bruder wiedergefunden zu haben. Er ließ sich zu ihm weisen, erkannte ihn auch wieder, der Andere aber erkannte den Jüngeren nicht; erst vielfache Beweise konnten ihn bewegen, ihn als seinen Bruder anzunehmen. Er erklärte dann, da er unverheiratet sei und das einsame Leben an diesem Orte satt habe, im nächsten Frühjahr nach Gröbzig ziehen zu wollen. Er war im Begriff diesen Entschluß auszuführen, aber er starb unterwegs durch einen unglücklichen Zufall: die Post, in der er fuhr, schlug um. Mein Großvater, geboren 1729, gestorben i8i3, gehörte zu den angesehensten und hochherzigsten Männern der Gemeinde. Er war keineswegs der Reichste, aber doch wohlhabend und übte einen großen Einfluß durch seinen ungewöhnlichen Verstand und seine großartige Wohltätigkeit aus. Die letztere wurde für ihn, für meinen Vater, endlich für meinen älteren Bruder verhängnisvoll. Noch in meiner Kindheit war das Andenken an meinen Großvater Jechiel, genannt Jchel, in der Gemeinde lebendig. Man erzählte mancherlei Anekdoten und witzige Äußerungen von ihm, die er natürlich nicht alle erfunden, aber angewandt hat. Am glänzendsten bewährte sich seine Einsicht 1806. Als alle Welt um ihn sich einrichtete, französisch zu Werden, da meinte er, die Franzosen würden sicherlich Deutschland sehr bald räumen müssen. Die Freude der Schlacht bei Leipzig hat er nicht erlebt. Er hinterließ acht Söhne, von denen der Äteste schon ein reifer Mann war, als der Jüngste geboren ward. Dieser Älteste, Josua (genannt Falk), studierte in Fürth, wurde in Dessau Lehrer der Talmudanstalt und als solcher Mitglied des Bet-Din. Ich habe ihn persönlich nicht gekannt. Mein Vater, viel jünger als er, blieb als einziger Sohn seines Vaters in Gröbzig, und sein Ansehen in der Gemeinde war noch größer als das seines Vaters. Er hatte dieselben Charaktereigenschaften und auch eine gewisse Bildung. Als er £2 Jahre alt, i832 starb, hinterließ er eine Witwe mit drei Söhnen in guten, aber verwickelten Verhältnissen. Er hatte von seinem Vater auch das Prinzip einer Wohltätigkeit in sozialer Form übernommen. Abgesehen nämlich von reichen Almosen, gab er armen, kräf-" tigen Männern Waren leihweise zu einem so niederen Preise, daß sie dieselben fast ebenso billig wie er verkaufen konnten und doch ihren reichlichen Gewann davon hatten. Dies war der Grund, weswegen er nicht reich werden konnte, weswegen mein Großvater sogar arm verstarb und wodurch wir Erben unseres Vaters große Verluste erlitten, weil man der Witwe, meiner Mutter, nicht so gewdssenhaf t bezahlte. Als nun gar mein älterer Bruder, damals ein Knabe von noch nicht i3 Jahren (geb. 1820), mit meiner Mutter die Wohltätigkeiten fortsetzen wollte, waren die Verluste nach wenigen Jahren so groß, daß er das Geschäft gänzlich aufgeben mußte. Ich bin der mittlere von den drei Brüdern und hatte dadurch den Vorteil, vom älteren und vom jüngeren, von jedem in seiner Weise, geliebt zu werden. Jener belehrte mich, dieser spielte mit mir. Meine Mutter war ganz meines Vaters 143

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