Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Mirabeaus Judenpolitik
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 128 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Reißner Juden als ausgezeichnete Finanzquelle und als Prügelknaben, gegen die sich die Wut der ausgesogenen Hörigenkaste ruhig entladen mochte. Die endgültige Anerkennung dieser Schuldverhältnisse durch Aufnahme der Juden in den Staatsbürgerverband; hätte daher im Elsaß zu einer spontanen Erhebung geführt Die Erörterungen in den Sitzungen der Nationalversammlung vom 2 3. and 24. Dezember 1789 erwiesen deutlich den Tatbestand. Der Judenfreund Clermont-Tonnere sagte eingangs mit sympathischer Naivität, er wolle die Judenfrage „nur durch Prinzipien" gelöst wissen. Den entgegengesetzten Standpunkt vertrat der Abgeordnete Maury, der die Handelsjuden als die „Geißeln der Bauernprovinzen" bezeichnete und erklärte, daß das Elsaß, wenn die Emanzipation der Juden durchginge, in zehn Jahren nur noch eine jüdische Zinsbauernkolonie sein würde. Besonnener äußerten sich am zweiten Verhandlungstage Hell, der parlamentarische Vertreter von Hagenau und Weißenburg, und der Prinz de Broglie, der Deputierte von Colmar.1) Hell verlangte ein Gesetz, das den Wucher unmöglich mache. „Ihr werdet", rief er der Versammlung zu, „die Juden zwingen, besser zu werden ..., wenn ihr sie zwingt, fleißig, produktiv und ehrlich zu werden." Und der Prinz de Broglie ergänzte den Vorredner dahin, daß es im Interesse der elsässischen Juden selbst sei, „den Titel und die Rechte von Bürgern nicht ohne eine Art von Vorbereitung in der öffentlichen Meinung zu erhalten". Er schlug daher den Erlaß eines Gesetzes vor, daß den Juden allgemein die produktiven Berufe eröffnet und ihnen einzeln nach einer bestimmten Anzahl von Jahren „Noviziats" die Bürgerrechte verliehen werden sollten. Diese Erklärungen verfehlten ihren Eindruck weder auf die Freunde der Juden noch auf deren Gegner. Man empfand allseitig, schrieb Mirabeaus Organ, „die Notwendigkeit, mit der Zeit und überlegt zu Rate zu gehen". Mirabeau selbst machte sich zum Wortführer der allgemeinen Ansicht, indem er beantragte, die Entscheidung über die Frage der Gleichberechtigung zu vertagen. Schon das, schrieb der Courrier de Provence weiter, sei ein Sieg der!) Die Ansichten dieser beiden Männer, insbesondere die de Broglies, die von Einsicht, Verständnis und Wohlwollen zeugen und in gewissem Sinne die Gedanken der napoleonischen Judenreform vorwegnehmen, sind, wie uns scheint zu Unrecht, von Geschichtsschreibern wie Graetz und Dubnow übersehen worden. Nur wer von dem humanitären, aber unpolitischen Axiom ausgeht, daß die Staaten den Juden die Emanzipation auf alle Fälle und augenblicklich schulden, kann Vorschläge als unerheblich beiseite legen, die vor der gesetzlichen Gleichstellung der Juden zunächst einmal auf ihre wirtschaftliche und soziale Eingliederung abzielen. — Auch für das Bürgerrecht der Juden gilt das Wort: „Erwirb es, um es zu besitzen." 128