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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 127

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Mirabeaus Judenpolitik
Date
1932-06-01
Page
127 (sequence 6)
Language
German
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Mirabeaus Judenpolitik so sah Mirabeau den geistigen Prozeß, kehrte auch die Nationalversammlung aus dem unermeßlichen Gebiet der Begriffe der gedachten Welt, deren metaphysische Gesetzgebung sie so mühsam entwarf, zur wirklichen Welt zurück und beschränkte sich darauf, die Gesetzgebung Frankreichs in Ordnung zu bringen. Und in derselben Weise gelangten Mirabeau und seine Mitstreiter über das allgemeine Mitgefühl mit den unglücklichen europäischen Juden hinaus zu einer klaren Erkenntnis der Maßnahmen, die zur Eingliederung der französischen Juden in den französischen Staatsverbamd vonnöten waren. An Mirabeaus Äußerungen von der Tribüne der Nationalversammlung und den Parlamentsberichten seines „Courrier de Provence" x) ist diese Entwicklung Etappe für Etappe zu verfolgen. Gelegentlich eines Schutzgesuches der Metzer Juden an die Nationalversammlung findet sich ein erster2) freundlicher Hinweis auf die notwendige „bürgerliche Verbesserung dieser unglücklichen Horde", die man „besser stellen" müsse, „um sie besser zu machen '. Es ist dies noch einmal die schon aus Mirabeaus vorrevolutionärer Schrift über Moses Mendelssohn her bekannte Einstellung, daß man diese Bedauernswerten lediglich von ihren legalen Fesseln zu befreien hätte, um die Judenfrage für beide Teile endgültig aus der Welt zu schaffen. Demgegenüber mußte zunächst einmal deutlich werden, daß mit der bloßen Redaktion von Dekreten nichts geholfen sei, daß vielmehr die Zentralgewalt selbst kraftvoll mit dieser muffigen Erbschaft des Ständestaates aufräumen mußte. Die elsässischen Bauern standen tief in der Schuld der Juden, und die Grundherren sahen dies nicht ungern; dienten ihnen doch jene x) Der „Courrier de Provence" war das Sprachrohr, durch das Mirabeau bis ins Frühjahr 1790 seine politischen Ansichten einem weiteren Kreise der Öffentlichkeit zugängig machte. Die einzelnen Berichte stammten selbstverständlich nicht aus seiner Feder — seine eigene Arbeitsleistung grenzte zudem schon ans Übermenschliche —, sondern trugen nur den „cachet de sa reputation". Aber da das Blatt in dauernder Überprüfung mit seinen Ansichten redigiert wurde, vermag der Courrier de Provence sehr wohl dort, wo direkte Zeugnisse schweigen, die Entwicklungstendenz von Mirabeaus politischen Ansichten zu verdeutlichen. — Dem menschlichen Geheimnis von Mirabeaus politischem Wirken wird man zudem nur gerecht, wenn man sich vergegenwärtigt, wie er eine „Masse ausgezeichneter Kräfte . . . mit seinem Feuer durchdrang und zu seinen höheren Zwecken in Tätigkeit setzte. Und eben, daß er es verstand,, mit anderen und durch andere zu wirken, das war sein Genie, das war seine Originalität, das war seine Größe." — Goethes Gespräche mit Eckermann, 17. Febr. i832. -) Für die jüdische Geschichtsschreibung setzt Mirabeaus Judenpolitik gemeinhin mit seiner Nationalversammlungsrede vom 22. August wieder ein, in der er eine Lanze für „die freie Ausübung jedweden Kultus" brach. Aus dem Zusammenhang — s. Courrier de P., T. III, p. 11 — ergibt sich aber deutlich, daß in der Diskussion an die Juden nicht gedacht worden ist. „Auch betrachten wir sie, heißt es ausdrücklich im Courrier vom 20. 12. 1789, T. V, No. 82, p. 17, in sozialer, und keineswegs in religiöser Beziehung." 127

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