Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Mirabeaus Judenpolitik
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 126 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Reißner dem Souverän seine Gedanken über Toleranz und Judenbefreiung vortragen. In einem Briefe an Friedrich Wilhelm II. am Tage seiner Thronbesteigung empfahl Mirabeau unter den wünschenswerten Reformen auch die „unbeschränkte Duldung" und „bürgerliche Freiheit der Juden". Auf dem Material seiner Freunde Dohm und Mauvillon aufbauend, schrieb Mirabeau endlich die Broschüre „Sur Moses Mendelssohn, sur la reforme politique des Juif s", Londres 1787. Sie gab der internationalen Diskussion der Judenfrage einen neuen Anstoß, indem sie ein für allemal grundsätzlich klarstellte, daß die „moralische Wiedergeburt der Juden" von dem Zusammenwirken dreier Elemente wesentlich abhing: von der inneren Kraft der Juden selbst, von der entschlossenen Sozial- und Wirtschaftspolitik der Regierungen und dem nachbarlichen Wohlwollen des Bürgertums der einzelnen Länder. — Mirabeau betonte, daß auch in der Judenfrage „die Prinzipien der Humanität und die einer guten und gesunden Politik sich in dauernder Übereinstimmung befinden, weil diese Nation von der Natur wie jede andere das Vermögen, sich zu verbessern, erhalten habe". Es folge aus der Betrachtung „der gegenwärtigen Lage der Juden in Europa..., daß sie dort mehr wert sind, wo man sie besser behandelt, und daß ein unfehlbares Mittel, sie zu verbessern, sei, sie glücklicher zu machen". Einen Mangel allerdings hatte Mirabeaus Broschüre: Der Staatsmann konnte aus ihr nur gefühlsmäßig-grundsätzliche, und noch kaum praktische Anregungen ziehen. Denn mit der Herausbildung von europäischen Nationalstaaten hatten, was Mirabeau erst später klarer sehen sollte, auch die Judenjschaften begonnen, sich moralisch, sozial und wirtschaftlich zu differenzieren, und jedes Land mußte folglich zu seiner Zeit bereits seine besondere Judenpolitik betreiben. Dafür war Mirabeau aber in politischen Dingen noch Autodidakt und ein junger Journalist ohne direkte Einflußmöglichkeit Er mußte zufrieden sein, wenn er die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die von ihm als dringlich empfundenen Fragen lenken konnte, und dies ist ihm mit seinem „Mendelssohn" vollauf gelungen. Zur staatsmannischen Behandlung der Judenpolitik eines Landes, seiner eigenen Heimat, gelangte Mirabeau, aus Preußen zurückgekehrt, als Mitglied der Assemblee Nationale. Schritt für Schritt mußte er sich zu der Einsicht bequemen, daß die Verhältnisse eines wirklichen Gemeinwesens sich nur allmählich denen des Vernunftstaates näherbringen ließen. Schließlich aber, 126