Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Mirabeaus Judenpolitik
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 125 (sequence 4)
- Language
- German
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Mirabeaus Judenpolitik legislativer Ungleichheit in der Verfassung der jüdischen Kolonien in den preußischen Staaten übrig blieb, folgte nicht aus Judenhaß oder wirtschaftlichem Neid, sondern einzig aus dem System des standisch gegliederten Obrigkeitsstaates, aus dem Staatsinteresse heraus, wie man es im Kabinett des Königs verstand. So lagen die Dinge, als Mirabeau im Jahre 1786 nach Berlin kam. Mit Staunen lernte er hier nicht nur Juden kennen, die geachtete Kaufleute waren; solche hatte er auch schon in London gesehen. Überraschend war vielmehr, daß in der frischen kolonialen Luft die Parias von ehedem sich von innen heraus regenerierten, daß sie wirtschaftlich und geistig am gemeinen Wesen Anteil hatten, und daß aus ihrem Kreise ein Moses Mendelssohn hervorgegangen war, von dessen lauterem Charakter, Takt und Herzensgüte ihm jedermann sprach. In spontanem Sympathiegefühl nahm Mirabeau, der Plebejergraf, an diesem Akte wirklicher „Beförderung der Humanität" Anteil, und mit einer Art heiterer Ironie gestand er sich diese für einen Mann seiner Herkunft und seines Standes gleichwohl sonderbare Zuneigung zu seinen „Hammeln, will sagen seinen bärtigen Beschnittenen" ein. Daß er sich' aber auch zu politischer Behandlung der Judenfrage verstand, war das Werk idealer, fortschrittlich gesinnter deutscher Christen. Zwei Freunde hatte Mirabeau in Deutschland gefunden, den preußischen Kriegsrat Dohm und den braunschweigischen Akademieprofessor Mauvillon, Männer, die mit ihrem Fühlen und Denken selber ganz in der Welt des jungen Bürgertums wurzelten. — Mit Mauvillon führte Mirabeau einen lebhaften schriftlichen Gedankenaustausch über die Verhaltnisse der Juden in den europäischen Staaten und insbesondere die Persönlichkeit und das Vorbild, das Moses Mendelssohn durch sein Leben für die Selbstbefreiung der Juden gegeben hatte. — Dem Kriegsrat Dohm jedoch verdankte Mirabeau das begriffliche Rüstzeug zum Durchdenken der Judenfrage. Dohms Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" vom Jahre 1781 wurde für Mirabeau zu einem Quell der Belehrung. Was er für die Judensache praktisch tun konnte, litt allerdings unter seiner bisherigen politischen Einflußlosigkeit und mangelnden staatsmännischen Erfahrung. Deshalb mußte er sich im Augenblick auf den unermüdlich wiederholten mündlichen und schriftlichen Appell an alle Gutgesinnten beschränken. — Gelegentlich einer Audienz bei Friedrich dem Großen durfte er 125