Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Mirabeaus Judenpolitik
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 124 (sequence 3)
- Language
- German
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Hanns Reißner Die Entwicklung der Berliner jüdischen Kolonie wurde durch die Landesherren, die gefühlsmäßig für die Juden meist „nicht eben portiert" waren, doch auf Grund einer geläuterten „Staatsräson" derart gefördert, daß „zwischen der Christen und der Juden Nahrung und Gewerbe Proportion gestifftet" und erhalten blieb. Die Juden, die, was die Wirtschaftsform anlangt, voraussetzungslos ins Land kamen, gaben ein wirtschaftliches Element ab, mit dem die merkantilistisch-fortschrittlich gesinnten Landesherren den traditionellen Wirtschaftsformen, den Zünften und Gilden, von außen her das Wasser abgraben konnten. Besitzende Juden erhielten Generalprivilegien für den Handel und insbesondere die gewerbliche Großproduktion von Erzeugnissen, die Preußen bisher aus dem Auslande hatte beziehen müssen. Diese Politik entsprang keiner besonderen unterschiedslos geübten Menschenfreundlichkeit. Friedrich der Große wies vielmehr willkürlich im Jahre 1772 nach der Angliederung Westpreußens 4ooo „Betteljuden" über die Grenze nach Polen aus, während er, um dem Handel des nichtpreußischen Danzig Abbruch zu tun, 186 Schutz juden in den drei Preußen zugewiesenen Danziger Vorstädten ansiedelte. Diese vorläufige, rohe, einstweilen nur nach dem Maßstabe des Kapitalbesitzes getriebene Auslese hatte jedoch mehr als die unmittelbare Folge, daß Juden sich als Unternehmer in Gewerbe und Handel produktiv betätigen durften. Die mittelbaren Folgen der staatlichen Erziehungspolitik waren noch überraschender und folgenreicher. Die Juden waren in Preußen doch keineswegs die bloßen kapitalistischen Nutznießer eines schon vollendeten kolonisatorischen Aufbaus, sondern eine „Nation" neben vielen anderen, Franzosen, Böhmen, Holländern und Salzburgern, die alle auf preußischem Boden sich eine Heimstätte zu errichten gekommen waren. Dieser eifervolle Kolonistenwettbewerb schuf einen neuen Kanon sozialer Wertschätzung, weniger nach der ererbten Stellung in der ständischen Ordnung, als vielmehr nach der unmittelbaren Bewährung und Leistung. Die Mauern der traditionellen jüdischen Paria-Isolierung wurden so von beiden Seiten her gleichzeitig eingerissen. Als Autodidakten, aber stets getragen von der nachbarlichen Anteilnahme des gebildeten Bürgertums, und durch die strenge Räson der Staatsgewalt geschützt, begannen die preußischen Juden sich der deutschen Sprache und durch sie der europäischen Kultur zu nähern. Im Sinne des „philosophischen" Ideals der Aufklärung strebten auch sie nach einem Menschentum aus innerer Verantwortung und umfassender Bildung. Was jetzt noch an tatsächlicher und 124