Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Mirabeaus Judenpolitik
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 123 (sequence 2)
- Language
- German
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Hanns Reißner: Mirabeaus Judenpolitik seiner Wanderjahre im nichtfranzösischen Europa. Im alten Frankreich bestand das Aufenthaltsverbot für die Juden formell noch immer seit ihrer Vertreibung im Jahre i3o,4- Jüdische Kolonien gab es nur an der Peripherie des Königreiches, im Elsaß, wo man die zur Zeit der Annektion vorgefundenen Juden aus dem Grundsatz heraus „II ne faut point toucher aux affaires d'Alsace" duldete, und im äußersten Südwesten, in Bordeaux und Bayonne, wo sie ursprünglich als „nouveaux-chretiens" Niederlassungspatente erhalten hatten, ferner in dem seinerzeit päpstlichen Avignon, sowie in spärlicher Zahl in Paris. Zu keiner dieser Gemeinschaften hatte Mirabeau vor der Revolution eine persönliche Beziehung gehabt. Die Existenz einer Judenfrage an den Peripherien des Reiches beschäftigte bis dahin die französische Öffentlichkeit recht wenig. Erst gelegentlich seiner Reisen ins Ausland, in den Jahren 1784 und 1785 in Holland und England, lernte Mirabeau Niederlassungen angesehener spaniolisch-jüdischer Kaufleute kennen. „Dort", so war sein Gesamteindruck, „sind die Juden dem Besitz der Menschen- und Bürgerrechte am nächsten, und dort sind sie auch für das Gemeinwesen sehr nützliche Mitglieder." Den entscheidenden Anstoß aber, die Judenfrage zu durchdenken, erhielt er während seines Aufenthaltes in Preußen im Jahre 1786. Um das durch den Dreißigjährigen Krieg verwüstete Land wieder zu „peuplieren" und so in neue Blüte zu setzen, hatte der Große Kurfürst durch Edikt im Jahre 1671 auch eine Reihe jüdischer Familien in Kurbrandenburg aufgenommen. Mit dem Wachstum des Staates im 18. Jahrhundert war die Zahl der preußischen Juden weiter gestiegen; zählte man in Berlin im Jahre 1700 erst 600 Angehörige der „jüdischen Nation", so lebten dort zu Mirabeaus Zeit fast 6000 Juden bei einer Gesamteinwohnerschaft von beinahe 15o 000 Seelen. Das Berlin des 18. Jahrhunderts war eine typische Kolonialstadt. Nach ihrer Herkunft organisierten sich die Zuwanderer in „Kolonien", das sind: Gemeinden mit innerer Autonomie. Es gab eine französische wie eine jüdische Kolonie, und sie alle durften ihre kirchlichen Angelegenheiten von staatswegen selber verwalten. Dieser „melange de races", die sich nach dem Willen weitschauender Landesfürsten im Leben des Alltages aneinander rieben und durchdrangen, schuf eine Atmosphäre fortschrittlichen Wettbewerbs im Wirtschaftlichen wie im Geistigen, unter dessen Einfluß auch der jüdische Bevölkerungsteil sich wohltätig veränderte. 123