Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Flucht vor der Vernunft [Rezension]
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 119 (sequence 4)
- Language
- German
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Flucht vor der Vernunft liehen Schichten gemeinsamen Merkmale verbundenen Mittelstand versetzt der große Hebel „Unzufriedenheit'' in Bewegung. So sicher dieser negative Begriff den allgemeinen Ausgangspunkt kennzeichnet, so wenig vermag er freilich über das konkrete Ziel auszusagen. Und doch sagt er gerade dadurch alles, nämlich, daß es ein solches Ziel nicht gibt und nicht geben kann. Der Nationalsozialismus steht unier dem Gesetz der Demagogie und des Opportunismus. Bei dieser unausbleiblichen Feststellung trifft sich Riemer mit Scheunemann. Aber Riemer führt über Scheunemann hinaus, indem er durch eine seinem Gegenstand angemessenere Problemstellung Erklärungen für die Anwendungsart dieser beiden Mittel der Volksverführung hinzufügt. Die Rolle des gesprochenen Wortes, die Führersehnsucht, die Symbolik der Utopie vom „Dritten Reich 4, und nicht zuletzt der Antisemitismus werden in geistvoller Weise und in ihrer immer wieder hergestellten Rückbeziehung auf die soziologische Lage der erfaßten Schichten erörtert. In dieser fruchtbaren Erweiterung des Problemkreises berührt sich Riemer mit dem bekannten sozialistischen Theoretiker Hendrik de Man. In seinem unter dem Titel „Sozialismus und Nationalfaschismus" (Alfred Protte-Verlag, Potsdam 1901) veröffentlichten Vortrag1) steigt er in die Tiefen der sozialpsychischen Urgründe des Nationalsozialismus herab. Auch er sieht sein Hauptmerkmal in seinem Charakter als Mittelstands- bzw. in erster Linie als Angestelltenbewegung. Wie der innere Widerstand dieser Schichten gegen ihre wirtschaftliche Proletarisierung sich in nationalistische Überheblichkeit umsetzt, wie sich aus ihrem von gesellschaftlichem Minderwertigkeitsgefühl getragenen Sträuben gegen die Einreihung in das Wir des Proletariats, „die kompensatorische Steigerung des Selbstwertgefühls" durch Einreihung in das andere Wir des Nationalismus ergibt, bildet den wertvollen Kern der Darstellung. Kritische Ausführungen über die Psychologie des Nationalismus und des Sozialismus, die in der bedeutsamen Richtlinie für die praktische sozialistische Politik gipfeln, „die reformatorische Funktion mit der radikalen Motivierung eines antikapitalistischen Wert- und Rechtsgefühls zu verbinden", stellen seine nicht minder kostbare Hülle dar. So geht Hendrik de Man, bei vielfacher Berührung in Methodik und Ergebnis wiederum über Riemer hinaus, indem er über die bloße Kritik hinaus den Weg zur Überwindung zeigt. Die drei Schriften, die hier zur Erörterung standen, weisen bei aller Verschiedenheit der Anlage eine bemerkenswerte Übereinstimmung im Ergebnis auf: x) gehalten vor der Ortsgruppe Berlin des „Kulturbundes". 119