Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Flucht vor der Vernunft [Rezension]
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 118 (sequence 3)
- Language
- German
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Eva Reichmann-Jungmann auf dem Liberalismus. Er sucht, der echten Antithese Kapitalismus — Sozialismus auszuweichen, indem er die Mißstände der gegenwärtigen Wirtschaft allein von der Seite der Zirkulation her beseitigen zu können vorgibt und damit den Hebel an der falschen Stelle ansetzt. Und schließlich: Seine Entwicklungsrichtung ist, allem „sozialistischen" Gepränge zum Trotz, großkapitalistisch, großagrarisch, mit einem Worte: faschistisch. So wichtig diese Erkenntnisse sind, wenn sie, wie hier, das Ergebnis gründlichster Forschung, umfassendster Quellenstudien bildenJ), so kann man sich doch nicht verhehlen, daß Scheunemann in seiner ganzen Fragestellung dem Nationalsozialismus etwas zuviel Ehre antut. In einem in der Zeitschrift „Die Arbeit", 2. Heft, 9. Jahrgang (Zeitschrift für Gewerkschaft, Politik und Wirtschaftskunde. Herausgeber: Th. Leipart, Verlagsgesellschaft des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes G.m.b.H., Berlin) veröffentlichten Aufsatz „Zur Soziologie des Nationalsozialismus" schreibt Dr. Svend Riemer: „Eine Interpretation der nationalsozialistischen Ideologie und Politik, die bei einer Analyse der wirtschaftspolitischen Forderungen ihres Programms oder ihrer gesellschaftskritischen Argumentation ansetzt, muß notwendig fehlgehen." Diesem Satz gemäß, in dem alles, was kritisch zu Scheunemann zu sagen wäre, ausgedrückt ist, legt Riemer den Schwerpunkt seiner ausgezeichneten Arbeit auf die Durchleuchtung eben jener Hintergründe der Bewegung, von der eingangs gesagt wurde, daß sie aus einer wirklich fruchtbaren Behandlung des Stoffes nicht fortzudenken ist. Ausgehend von der These, daß man im Nationalsozialismus im wesentlichen eine Mittelstandsbewegung zu sehen hat, untersucht er die Umstände, die dazu führen, daß sich die völlig verschieden interessierten Schichten dieses Mittelstandes, Beamte, Angestellte, selbständige Gewerbetreibende und Agrarier zu einer einheitlichen Front zusammenschließen. Er findet den Grund dafür, außer in dem engen persönlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Gruppen, in der Verbeamtung der modernen Wirtschaftsgesellschaft, in der Abhängigkeit aller von nicht mehr übersehbaren und nicht mehr beeeinflußbaren Wirtschaftskräften und schließlich in ihrer durchgängigen Wirtschaftsfremdheit in bezug auf die eigentliche Interessenlage und den wahren Charakter der beruflichen Leistung. Den durch diese seinen samtx) Es muß übrigens darauf hingewiesen werden, daß in dem nahezu lückenlosen Literaturverzeichnis eine der ersten streng wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit den "nationalsozialistischen Wirtschaftstheorien, die in der „Morgen"-Reihe Nr. 10 erschienene Schrift von Dr. Margarete Wiener: ..Vom nationalsozialistischen Wirtschaftsprogramm" fehlt. 118