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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 120

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Flucht vor der Vernunft [Rezension]
Date
1932-06-01
Page
120 (sequence 5)
Language
German
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Eva Reichmann-Jungmann sie bezeichnen als einzigen wirklich feststellbaren Angelpunkt des Nationalsozialismus den Grundsatz völliger Grundsatzlosigkeit. Es ist kein Zufall, daß dieses sehr praktisch, aus dem Opportunismus um jeden Preis zu erklärende Fehlen jedes greifbaren Prinzips sich gerade in einer Bewegung findet, die den Irrationalismus auf ihre Fahnen geschrieben hat. Der blaue Dunst, der in seinem Zeichen verbreitet wird, erzeugt jene wohltätige Dunkelheit, in deren Schutz der Agitator jeder sachlichen Festlegung entfliehen kann. Reicht der gesunde Menschenverstand nicht aus, um klaffende Widersprüche der Parteiparolen ineinander zu fügen, so sorgt der Appell an die „deutsche Seele" für die gewünschte Vertuschung. Um ganz deutlich zu sein: Das sagt nichts gegen die Bedeutung des Irrationalen, das die Fesseln eines durch die Erfolgspsychose allzu vernunftgläubig gewordenen Zeitalters abschüttelnd, mit seinen reaktiven Kräften die Menschheit neu zu befruchten anhebt. Aber es sagt alles gegen jenen falschen vor-rationalen und deshalb höchst primitiven Irrationalismus, der einen bis ins ungeheuere komplizierten politischen, wirtschaftlichen» kulturellen Organismus mit einer dunklen Phrase, wie etwa der folgenden, wird, meistern zu können vorgibt1): „Unsere Wirtschaftsform ist ... der Ausdruck einer Weltanschauung ..., deren Basis ... eine aus dem Irrationalismus geborene Deutung des Weltgeheimnisses aus dem Ewigen heraus ist, das auf den Voraussetzungen des Blut- und Rassenmythos beruht." Hier ist nichts mehr zu spüren von jener echten Auflehnung gegen die Alleinherrschaft der Vernunft, die als der Versuch, mit den umwälzenden Kriegs- und Nachkriegserlebnissen fertig zu werden, nur allzu leicht zu verstehen ist Was im Nationalsozialismus wirksam ist, ist Furcht vor der Vernunft, ist Flucht vor der Vernunft. Wie ein roter Faden durchzieht eine haßerfüllte Reaktion auf alles das, was die ordnende Vernunft als klar erkennbar herausstellen müßte, die Soziologie des Nationalsozialismus. Nicht-Verstehen-können und Nicht-Verstehen-wollen sind die Triebe, die in dem Schwur auf den Irrationalismus ihre verherrlichende Rechtfertigung erfahren. Wir fanden sie beim verarmenden Mittelständler, der sich gegen die Erkenntnis der wahren Ursachen seiner Not wehrt; beim „Stehkragenproletarier", der das Wirtschaftssystem angreifen müßte, aber in gewollter oder Ungewollter Ermangelung abstrakter Denkmöglichkeiten lieber gegen den Juden hetzt; wir sehen den gleichen Kreis- *) von Renteln im „Westdeutschen Beobachter" Nr. 285, 1981. 120

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