Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 110

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Romantische Politik bei Thomas Mann
Date
1932-06-01
Page
110 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895507-2895510-2902274--05757-2902339
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Käte Hamburger sehen ab, weil sie westlich-französischen und damit intellektualistischen und mechanistischen, kurz aufklärerischen, und das ist für ihn hier zivilisatorischen, nicht aber „kulturellen"„völkischen" Wesens sei. Sein politisches Denken kreist auch in den späteren Schriften immer wieder um die Schwierigkeit, den Begriff einer volksgewachsenen „Kultur" — durch die ihm vornehmlich das Wesen des Deutschen charakterisiert ist — zu vereinigen mit dem der „Demokratie". Aber bereits in den „Betrachtungen eines Unpolitischen" steht ihm eine solche Möglichkeit als Ziel vor Augen, nämlich die Möglichkeit einer auf den Gedanken der universalen Humanitätsidee ausgerichteten Demokratie. Und zwar ist es Begriff und Wesen des deutschen „Bürgers", der ihn auf diese Zusammenhänge hinweist. Dieser Bürger ist seit den Tagen der Hansa der Träger der deutschen Geistigkeit, ist die Humanität, die Thomas Mann selbst, der Sohn eines alten lübeckischen Bürgergeschlechts in seinem Blute trägt. Diese Verbindung von Geistigkeit und Bürgerlichkeit ist ja auch zu einem freilich idealisierten Ausdruck gekommen in den Künstlerromanen der Romantik, im „Stembald" Tiecks, im „Ofterdingen" des Novalis und vor allem in dem Muster dieser Romane, in Goethes „Wilhelm Meister". So sieht auch Thomas Mann in dieser Verbindung ein romantisches Element. „Zur deutschen Bürgerlichkeit gehört unverbrüchlich ein romantisches Element: der Bürger ist romantischer Individualist, denn er ist das geistige Produkt einer überpolitischen . . , Epoche, einer Hunaanitätsepoche." Hinter diesen in den „Betrachtungen" noch nicht mit völliger Klarheit durchschauten Zusammenhängen steht der romantische Universalismus des politischen Denkens, steht der Gedanke der Demokratie des Geistes, um derentwillen für Novalis der Staat in jedem Bürger, jeder Bürger ein Staatsbürger ist. Aber erst um die Zeit der Entstehung des Zauberbergs findet Thomas Mann, geleitet vielleicht durch den deutschen Romantiker, in der demokratischen Staatsform nun in der Tat einen möglichen Ausdruck der Humanität und damit auch des deutschen Volkes und Wesens. Dabei macht freilich eben der Begriff der Humanität einen gewissen Bedeutungswandel durch. Dieser Begriff, der nichts anderes als die „Idee der Menschheit" ausdrückt, wandelt sich mit dem Inhalt, den diese Idee empfängt. Wenn in der Aufklärung Humanität Fortschritt des Menschen und der Geschichte zu einem Menschheits- und Gesellschaftsideal nach dem Maßstab der Vernunft ist, ein Ideal, das in Freiheit und Menschenwürde und im Glauben an eine erreichbare Vollkommenheit des Menschen sich erfüllt, so wird für Novalis Humanität identisch mit Religion, 110

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.