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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 90

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Vom politischen Haß zur politischen Lauterkeit
Date
1932-06-01
Page
90 (sequence 4)
Language
German
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Michael Müller-Claudius breitet, er habe mit einer steckbrieflich gesuchten Person in vertrauten Beziehungen gestanden und sogar deren Strafverfolgung vereitelt. Vor Gericht wird nicht einmal der Versuch gemacht, die Anschuldigung zu erweisen. Sie ist Unwahrheit. Es kam auch gar nicht auf Wahrheit an, sondern darauf, Mißtrauen gegen die Polizei zu säen. Konnte man es nicht mit Wahrheit .— so mußte man es mit Unwahrheit tun. Man will also durchaus nicht die — immer nötige und berechtigte — sachliche Kritik üben, sondern man will kritiklos verdächtigen, kritiklos bemakeln. Man will die Polizei in ihrem Bestand angreifen, indem man mit den unlauteren, aber unter dem Mantel wahrhaftiger Kritik erscheinenden Mitteln in breite Massen Haß und Mißtrauen gegen Arbeit und Persönlichkeiten der Polizei sät. Walter Rathenau hat in seinem Buch „Zur Kritik der Zeit", im Abschnitt „Geschäftlicher Nachwuchs" 1912 geschrieben: „Auf dem unpersönlichsten, demokratischsten Arbeitsfelde, dem der wirtschaftlichen Führung, wo jedes törichte Wort kompromittieren, jeder Mißerfolg stürzen kann, wo das souveräne Publikum einer Aktionärversammlung satzungsgemäß über Ernennung und Absetzung entscheidet, hat jm Laufe eines Menschenalters sich eine Oligarchie gebildet, so geschlossen wie die des alten Venedig. Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung." Daraus ist dann die seit zehn Jahren im Umlauf befindliche unverwüstliche Fälschung entstanden: Nach dem eigenen Geständnis Rathenaus regieren 3oo Juden die Welt. Wo liegt Sinn, Absicht und Wirkung dieser Fälschung? Niehl Rathenau zu verdächtigen gilt es, viel eher schon die Juden. Aber auch das ist nicht das Entscheidende. Sondern dies, daß die republikanisch gesinnten Volksgenossen getroffen werden sollen. Sie sollen verdächtigt werden als heimliche Mitwisser, gewissenlose In-die-Hand-Spieler, als Schutztruppe der „Geheimregierung", die „Deutschland Undeutschen ausliefert". Schon dadurch, daß auf Grund dieses „Geständnisses" der Staat sich gegen die Geheimregierung nicht auflehnt, ist er „undeutsch", sind als „undeutsch" alle verdächtigt, die ihn bejahen. Fälschung ist politisches Kampfmittel geworden. Es hat sich in der Hand der Demagogen bewährt. Aber diese planmäßige politische Fälschung ist geistige Entrechtung des Volkes, Verfälschung und Entmachtung seiner organischen Willensbildung und damit Entmachtung des Staates selbst. Falschmeldungen gegen Polizei und Justiz sind ständige Einrichtungen geworden. Jedes unbequeme Urteil wird von der Schlagzeile bis zur „ge- 90

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