Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Vom politischen Haß zur politischen Lauterkeit
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 89 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom politischen Haß zur politischen Lauterkeit Die Sammlung von Avenarius ist vor i5 Jahren erschienen, und trotzdem völlig zeitgemäß. Wer nicht Fischblut hat, muß tief erschüttert sein., wenn er Sätze von Avenarius liest, wie diesen, der die Technik der Verhetzung aufs klarste durchschaut: „Befangen hatte man schon gemacht, aber um alles das glauben zu machen, mußte man blenden und in der Blindheit nach Möglichkeit noch unwissend halten dessen, was geschah. Blind macht Haß. Den Haß also brauchte man politisch. Haß galt es überall einzugiften. Haß gegen ein Volk von Sklaven und Tyrannen, von Barbaren und Hunnen, von Dieben, Verwüstern. Verbrennern, Schändern, Mördern, von Vergewaltem aller Rechte, von \crnichtem aller Freiheit, Haß gegen ein Volk, das nach Weltherrschaft strebt, um unter seinem brutalen Stiefel alles Gute und Feine zertreten zu können, Haß gegen den Vernichter aller Menschlichkeit, Haß gegen den Feind des menschlichen Geschlechts — ich brauche nur tausendmal gebrauchte Wörter für: gegen die Deutschen. Haß brauchte man und als zweites: Dunkelhalten der wirklichen Verhältnisse und des tatsächlichen Geschehens." Dies war damals die Technik der Vö 1 k er Verhetzung? TSun, es ist die Technik der Vo 1 ksVerhetzung im Deutschland von heute. Die Haßschreie gegen Deutschland, die Avenarius wiedergibt — heute sind sie die Haßschreie in Deutschland, Haßschreie Deutscher gegen Deutsche, und alle Künste der Fälschung und Verleumdung sind gegen Deutsche aufgeboten; und wir gewöhnen uns daran zu glauben, daß das die Technik des politischen oder gar des nationalen Kampfes sei. Aber es ist vielmehr die Technik der Keimzerstörung aller politischen Kultur. Denn an der täglichen Verfemung Deutscher durch Deutsche mit den ungestörten Miltein der Unwahrheit, Verhetzung und Fälschung droht unser Volk zu zerbrechen. Wir wollen es nicht zerbrechen lassen. Der Staat muß — und kann der Zerstörung aller politischen Kultur Einhalt gebieten. Der Staat bestraft in bestimmten Fällen den Lügner. Um des persönlichen Ehrenschutzes des Angegriffenen willen. Das ist staatsethisch belanglos. Der Staat hat sich noch nicht die zentrale staatsethische Frage gestellt, wie denn das am Volke durch die politische Lüge begangene Unrecht wieder gutgemacht werden könne. Ja er hat noch nicht einmal begriffen, daß es unbedingt und in jedem Falle am Volke und in der Öffentlichkeit wieder gutgemacht werden muß. Die Gesunderhaltung der politischen Willensbildung, d. h. die Erhaltung der normalen Verantwortungsfälligkeit des Volkes, die nur durch den Schutz der Wahrheit, der Gerechtigkeit, des gegenseitigen Verstehens geschehen kann, ist eine Grundpflicht des Volksstaates, ohne die er nicht ist, was er sein soll, und ohne deren Erfüllung er nicht bleiben kann. So wird z. B. über den Polizeipräsidenten von Berlin die Behauptung ver- S9