Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Was heißt: Ende des Liberalismus?
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 86 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wilhelm Michel: Was heißt: Ende des Liberalismus? Wir können heute die Lebensblindheit des Liberalismus, d.h. seine Blindheit gegenüber dem Spezifischen der Erscheinung „Leben", nicht mehr übersehen. Wir können seine matte, schwache Stellung zu allem Stiftenden und Gründenden, seine ironische Haltung gegenüber allem Substanziellen nicht mehr als führende Haltung anerkennen — so wenig wie wir in der Kunst noch den Weg des Impressionismus gehen können, der sich im Wie? genießerisch vergnügte und zum Was? keinerlei Verhältnis hatte. Die Entscheidung über den Liberalismus als lebenführende Idee steht nicht mehr in unserem Belieben. Sie ist gefallen, und uns bleibt nur die Aufgabe, den neugewiesenen Weg zum Leben zu gehen und uns menschlich auf ihm zu benehmen. Ein Nachwort Von Max Dienemann Zweierlei wäre zu den sprühenden, in voller Gespanntheit geschriebenen Worten von Wilhelm Michel vom Gefühl dessen her zu sagen, der mit ihm den Willen zum Lebendigen, die Freude am Kreatürlichen bejaht und doch den Antiliberalismus nicht bejaht. Erstens: muß man nicht, wenn man verlangt, die unterwertigen, gelegentlich mörderisch-reaktionären Kräfte in der antiliberalistischen Gesamtregung nicht ihr zur Last zu legen, sondern mit Recht darauf hinweist, daß entstellende Tendenzen in jeder Umwälzung einfließen, auch mit der gleichen Entschiedenheit sich dagegen wehren, daß Plattheit und Lebensdürre, die im Schatten des Liberalismus sich breit machten, ihm zur Last gelegt werden? Seine wirklichen Führer haben am stärksten gegen solche Verödung gekämpft. Und zweitens: Michel sagt, der Liberalismus hat gesiegt. Gewiß, das hatte er; aber seine Früchte sind heute wiederum ganz in Frage gestellt. Es ist durchaus zu befürchten, daß die antiliberalistischen Strömungen nicht vor dem Wertvollen und Notwendigen des Liberalismus halt machen. Daß zu seinem Bleibenden die Ehrfurcht vor dem Leben und vor allem Stiftenden tritt, ist gut; aber wie, wenn die Überbetonung der „mittleren Verfestigungen" die Freiheitsmöglichkeit auch derer aufheben, die Freiheit wollen? Man kann doch nicht leugnen, daß Viele heute den Wert der Freiheit schon bewußt mißachten. Darum der Kampf für den Liberalismus. S6