Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Was heißt: Ende des Liberalismus?
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 85 (sequence 3)
- Language
- German
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Was heißt: Ende des Liberalismus? sierung von Humanität, Menschheit usw. zugute komme. Wer kann heute noch so denken? Wer kann heute herum um das Wissen, daß das Allgemeinere nur in den mittleren Verfestigungen und durch sie zu verwirklichen ist, also in Volk, Nation, Bekenntnis? Alles was die neueste Geschichtsbetrachtung, die ihr zugeordnete Psychologie und Anthropologie an Tatsachen und Methoden ausgemacht haben, kehrt sich gegen die liberalistische Weltanschauung — nicht in der Weise, daß Freiheit, Flüssigkeit, Erlebnis dadurch entwertet würden, wohl aber in der Weise, daß diese Dinge theoretisch und praktisch der Bindung, der Verfestigung, der Objektivität zu subordinieren sind. Zu gewissen Zeiten ist lebensgerechte Subordinierung das Wunderbarste, das einer Kraft, einem Geschöpf begegnen kann. Frick stellt die Frage, ob an der heutigen antiliberalistischen Gesamtregung nicht sehr unterwertige, gelegentlich sogar mörderisch-reaktionäre Kräfte beteiligt seien. Das muß man wohl zugeben, aber doch nur mit dem gleichzeitigen Hinweis, daß das Miteinfließen entwertender, mißbräuchlicher, verfratzender Tendenzen eine stehende Erscheinung bei allen geschichtlichen Übergängen ist und gegen neue Regungen nicht das Geringste beweist. Bei den edelsten Revolutionen wurde geplündert, bei den heiligsten Kriegen haben Schieber verdient. Die Gegenfrage ist mehr als berechtigt, ob sich nicht im Schatten des Liberalismus so Schlimmes an Plattheit, Lebensdürre, Verödung breit gemacht hat, daß die Preise, die für die neue Wendung gezahlt werden müssen, nicht in allzubösem Licht erscheinen können. Vergessen wir doch das Eine nicht, daß keinerlei Wahrscheinlichkeit bei dem maßvollen und nach allen Seiten hinlänglich ausgelebten Volk der Deutschen für radikal dämonische Verknäuelungen spricht. Verwechseln wir doch die Temperatur gewisser Programme und Erklärungen (mit ihrer undeutsch-hysterischen Sprache) nicht mit den wirklichen Hitze- und Stauungsgraden in einem Volk, dessen geistige Form stets eine „offene", dem blauen Himmel und der freien Natur zugewandte war und das durch einen sagenhaften Krieg und einen schauerlichen Frieden seine ritterliche, noble, kindliche Seele im Kern ungekränkt hindurchgetragen hat. Es ist nicht finsterer Haß gegen die Freiheit, was sich im deutschen Antiliberalismus regt, sondern eine neuerwachende Freude am Kreatürlichen, die sich gegen die leergewordenen Verleumdungen von Glaube und Ehrfurcht, von Gestalt und Wachstümlichkeit abgrenzen muß und damit ein tieferes Wissen um das Leben, als es der Liberalismus haben oder vielmehr bewahren konnte, zur Geltung bringt. 85