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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Was heißt: Ende des Liberalismus?
Date
1932-06-01
Page
84 (sequence 2)
Language
German
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Wilhelm Michel Räumen seines Lebens schließlich auch echte Begegnungen mit den „Bindungen"' gehabt: was will das heißen gegen Werther, Egmont, Jphigenie und Faust, wo sein Wort die eigentliche Strahlkraft und den überrennenden Impetus hat in Übereinstimmung mit der freiheitlichen Grundtendenz der Zeit? Der Liberalismus hat gesiegt, im Denken, in der politischen und ökonomisch-sozialen Wirklichkeit. Sein „Woraufhin?", sein „Wovon-Fort?" ist faktisch erledigt, er hat als Tendenz kein Leben mehr, denn Tendenz heißt Gespanntheit, und wenn geschwunden ist, was eine Idee „spannt", dann ist sie physikalisch um ihre Wirkung gebracht. Was sind denn unsere geistesgeschichtlichen „Tendenzen" anderes als Antworten auf geschichtliche Tatsächlichkeiten? Was ist Liberalismus anderes gewesen als das Wort: „Nein! Freiheit!", gesprochen ins Gesicht einer Zuständlichkeit, die mit Strukturablagerungen, d. h. mit fixen, ausgepreßten Starrformen überladen war? Ist dieses ,.Woraufhin" des Liberalismus heute nicht mehr gegeben, so muß auch die „Antwort" des Menschen auf die Welt innen und außen anders beschaffen sein. Denn der geschichtliche Mensch lebt immer „tendenziös". Er ringt immer mit der historischen Objektwelt um seine Lebendigkeit Er muß immer das Leben wollen, das er nicht als dauernden Besitz „haben" kann, so wenig wie er in religiösem Betracht die Gerechtigkeit „haben" kann, sondern nur groß ist in der Bewegung auf sie hin, in dem immer zu ihr hin erfolgenden Übergang. Die Bewegung zur Verflüssigung und die Bewegung zum Festen hin, sie stellen sich zu verschiedenen Zeiten als der Aufbruch des Menschen, zum Leben dar, und will einer sich dabei nicht genügen lassen, findet er dieses Hin und Wieder zu dürftig für den großen Ehrgeiz des Menschen: wenn der verlorene Sohn ins Vaterhaus heimkehrt und über die Schwelle tritt, so ist Leben für ihn in diesem Augenblick so unerhört realisiert, daß er es nie wieder vergißt. In der Geistesgeschichte werden die Feste gefeiert, wie sie fallen. Wer wird sich an Weihnachten Sorgen machen um den Karfreitag? Auf liberalistischem Weg ist heute kein volles Geistesleben mehr zu führen. Ich denke etwa an den Begriff der Toleranz. Lessing hat Toleranz begründet auf die Vermutung, daß die drei Ringe falsch sind. Der Toleranzbegriff des Liberalismus ist bis zuletzt in dieser Lessingschen Bahn gegangen. Kann heute auch nur entfernt daran gedacht werden, Toleranz auf Lessings Weise zu begründen? Nein. Sondern Toleranz kann heute nur darauf begründet werden, daß die drei Ringe echt sind. Der Liberalismus hat bis zuletzt geglaubt, daß alles Blut, das den mittleren Verfestigungen entzogen wird, der Reali- 84

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