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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 83

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Was heißt: Ende des Liberalismus?
Date
1932-06-01
Page
83 (sequence 1)
Language
German
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Was heißt: Ende des Liberalismus?1) Von Wilhelm Micbel Was meint das Wort vom „Ende des Liberalismus"? Was meinen wir, die wir in unserer Betrachtung menschlicher Dinge den Ton von der liberalistischen Ideologie der Freiheit herüberverlegen auf die lebennährenden Bindungen? Wir meinen nicht Tilgung der Freiheit, sondern deren neue Einordnung. Wir meinen: Ende der liberalistischen Weise, über Freiheit zu denken, nicht Aufhebung jener Freiheit, ohne die wahrhaftes Leben einer Gemeinschaft nicht denkbar ist. Wir meinen: Feststellung der Tatsache, daß der Liberalismus seine Rolle als lebenführende Idee heute ausgespielt hat, daß Freiheit und Bindung heute anders verwaltet, anders eingebaut und zusammengeordnet werden müssen,, als es der Liberalismus getan hat. Ende des Liberalismus bedeutet uns so wenig Aufhebung der Freiheit, wie etwa „Ende des Autoritäts-Staates" Aufhebung der Autorität, oder wie unser heutiger Kampf gegen den Idealismus etwa Aufhebung bzw. Außerachtlassung des subjektiven Anteils am Weltbild, der Ergriffenheit und Innerlichkeit. Denn Liberalismus war nicht Vertretung des Freiheitsinteresses schlechthin, sondern eine bestimmte, historisch abgrenzte Überbetonung desselben, die lange Zeit hindurch lebenführende Kraft hatte und diese Kraft infolge ihres Sieges heute nicht mehr besitzt. Infolge ihres Sieges, ja. Denn der Sieg einer Idee schafft eine neue Lage mit neuen Antrieben und „Richtungen". Der Liberalismus hatte zum Absprung die mörde-< rischen politischen, religiösen, ökonomischen „Verfestigungen" vom Anfang des 18. Jahrhunderts. Er trat seinen beispiellosen Siegeszug an, und alles, was in seinem Jahrhundert Leben hat, trägt seine Farben. Lessing ist Rebell, Schiller und Goethe sind Rebellen; und hat Goethe in den unabsehbar weiten!) Mit dem obigen Aufsatz wird die in den vorigen Heften begonnene Aussprache über das Thema: „Im Wandel des Denkens und Gestaltens" fortgesetzt. D.S. 83

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