Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Bestand und Untergang der deutschen Juden
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 78 (sequence 7)
- Language
- German
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Mauritius Kahn denen sie nach der Emanzipation gehörten. Umgekehrt ist aber in den anderthalb Jahrhunderten, die seitdem vergangen sind — und nicht erst seit Max Webers Religionssoziologie — erkannt worden., daß auch eine religiöse Gemeinschaft ihre eigentümliche soziologische Strukturen aufweist und nach bestimmten immanenten Gesetzen aufgebaut und abgegrenzt ist. In diese Struktur ist Schicksal und Geschichte hineinverwoben, in diese Gesetze geht die empirische Gemeinsamkeit von Sitte und Tradition in gleichem Maße ein, wie die metaphysische Bedingtheit des in ihnen waltenden Logos und Ethos. Die Auffassung der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der Gründerjahre des Centralvereins, ist im neuen Jahrhundert abgewandelt und vertieft worden. So sehr darum auch heute die Erkenntnis gilt, daß Wesen und Geist des Judentums getragen werden vom Wesen und Geist der Religion, in der der schöpferische Schwerpunkt des Judentums und seine historische Leistung lag, so wenig wird heute verkannt werden können, daß im Leben der Gemeinschaft der deutschen Juden auch andere Faktoren gestaltend wirksam sind. Die Besonderheit der historischen Situation der Juden durch lange Jahrhunderte hindurch hat eine besondere soziologische Struktur des gegenwärtigen Judentums zur Folge. Das gleiche gilt aber für jede soziologisch bestimmbare Gruppe; in den weitaus meisten Fällen leitet sich ihre Besonderheit nicht aus einer Sonder-Art, sondern aus dem geschichtlichen Werden der Gruppe ab. Es kann nur einen metaphysischen und spekulativen Sinn haben, den historischen Verlauf als Schicksal zu deuten; die schicksalhaft bedingten Züge der Vergangenheit liegen ebenso jenseits der Grenzen unsrer Erkenntnis wie der Einblick in die Gestaltung des Schicksals unserer Zukunft. Aus diesem Grunde ist es nicht anders als nur metaphysisch möglich, von einer schicksalhaften „Situationsschuld ' der Träger eines historischen Prozesses zu reden. Es ist darum gefährlich, das gewordene Anderssein in gegebene Schuld umschlagen zu lassen, wie es Brunner tut. Es ist niemandes und gewiß nicht der Juden „Schuld", sei es nun „Tatschuld' oder „Situationsschuld", daß die Geschichte sie unversehrt in ihrem lebendigen Bestände durch die Jahrtausende trug, durch Jahrhunderte von Qual und Bedrückung, die, in einem freilich sehr banalen Sinne, Schuld der „Anderen", gewiß nicht die der Juden, waren. In Anbetracht solchen Schicksals, das sie genug mit schwerer Bürde der Verkennung und Verleumdung beladen hat, geht es nicht an, ihnen auch noch die Schicksals-Schuld aufzuladen. Wir sehen keinen Sinn darin, in den Verstrickungen des Schicksals Verstrickungen der Schuld zu suchen. Wohl aber sehen wir einen Sinn in diesem Schicksal, mag es nun schwer oder mag es leicht sein. Wohl sehen wir einen Sinn in der Tatsache der Erhaltung des Judentums, im Bestände von Leben und Lehre der Juden. Und wir seilen schon darin einen Sinn, daß es überhaupt Judentum und Judenheit gibt. Alles was ist, hat einen Sinn zu sein: das ist ein Axiom der Philosophie der Geschichte ebenso wie jeder Philosophie der Natur und des Lebens. Jede Philosophie wird notwendig sinnlos, wenn sie die Wucht des Gegebenen, die für alles entscheidende Tatsache des Daseins 78