Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Bestand und Untergang der deutschen Juden
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 77 (sequence 6)
- Language
- German
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Bestand und Untergang der deutschen Juden Reiches und des deutschen Volkes ist eine in einem langen historischen Prozeß gewordene und immer noch werdende, nicht gegebene, sondern eine aufgegebene. Es scheint, um ein Wort von Buber zu nehmen, eine unendliche Aufgabe zu sein, deren Erfüllung als Prozeß dieses Leben der Deutschen ausmacht. In dieses Leben ist aber das deutsche Judentum als Stamm unter Stämmen unauflöslich verwoben, an diesem Leben hat der deutsche Jude mitgestaltet, vermöge seiner Kräfte, und es sei ohne Scheu ausgesprochen: die unendliche Fruchtbarkeit der vielfältigen Beziehungen liegt nicht zuletzt in seinem „Anderssein". Anderssein heißt nicht feind sein, heißt nicht fremd sein, sondern heißt seiner bestimmten und zu bestimmenden Art gemäß sein. Seine Eigenart zu bewahren wird aber Aufgabe und Verpflichtung, wenn man erkennt, daß die Fruchtbarkeit der inneren Spannungen, die das deutsche Leben gestaltend beherrschen, sich gerade aus der Eigenart seiner Stämme ergibt.1) Brunner freilich bestreitet, daß es solche Eigen-Art der Juden gibt: „Die Menschen von jüdischer Abstammung glauben immer noch etwas sein zu müssen, was sie doch nicht mehr sind und also auch nicht mehr sein können: Juden." Darum muß er auch annehmen, daß die, die es noch sein wollen, einem „latenten Zionismus" huldigen. Diese Behauptung widerstreitet dem nüchternen Tatbestand. Von einem „latenten Zionismus in denjenigen Juden, die sich selbst nicht für Zionisten halten" kann nicht gut die Rede sein, wenn diese Juden jede und alle Beschwernis ihres heutigen Lebens in Deutschland auf sich' nehmen, alle Anfeindungen des Antisemitismus, der ihre nackte Existenz bedroht, ertragen ohne der zionistischen Auswanderungsparole zu folgen, nur um eben das sein zu können, was sie eben sind: deutsche Juden; für die der Name Juden nicht ein „jüdisch-nationaler Name" ist, sondern der Name einer Gemeinschaft, der sie auf elementare, unbezweifelbare und verbindliche Weise zugehören; Menschen, die von allen schöpf erischen Elementen ihres Lebens abgeschnitten wären, wenn sie nicht mehr sein könnten, was sie nun einmal sind: deutsche Juden. Es ist uns nahezu unbegreiflich, wie es Brunner möglich erscheint, ein Dasein abzustreiten, das doch webt und wirkt, das doch von lebendigen Menschen gelebt wird, das seine eigene Art und seine eigenen Lebensgesetze hat. Brunner freilich würde leugnen, dies Dasein bestritten zu haben; nur würde er meinen, es wäre kein Dasein von Juden mehr. Denn unter „Juden" versteht er nur die Bekenner einer Religion: „Juden hießen sie der Emanzipation insofern und insoweit, als sie der jüdischen Religion anhingen." Zunächst ist das schon historisch anders. Die Magna Charta der Emanzipation hat von den Juden die Aufgabe ihrer Nation, nicht ihrer Religion gefordert. Das ist seit der Emanzipation geschehen; die Juden haben ihre nationalen Bindungen, die noch im Ghetto sich erhalten hatten, abgestreift. Ihr Bewußtsein und ihr Wille hat sie inmitten der Bindungen gestellt, in denen die Völker lebten, zu l) Zum Begriff des Stammes und zu seiner Geltung für das Judentum vergl. Erich v. Kahler in Heft 10, i93o der „Europäischen Revue". 77