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Der Morgen · 1932-04-01 · Heft 1 (April 1932) · p. 76

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 1 (April 1932)
Article
Bestand und Untergang der deutschen Juden
Date
1932-04-01
Page
76 (sequence 5)
Language
German
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Mauritius Kahn die Krisis der heutigen Kultur Europas liegt im wesentlichen darin, daß das Anderssein schwindet, das Dasein aller einander sich angleicht und in dieser Nivellierung unfruchtbar wird. Aber das sind Einsichten, die allzu oft gesehen und gesagt worden sind, als daß sie hier einer ausführlichen Begründung bedürften. Wenn immer also Brunner davon spricht, daß die Juden ein „ewiges Ferment aller Geschichte" sind, so wird er diese „ewige" Wirksamkeit des Judentums auch seinem „ewigen" Anderssein zuschreiben müssen. Denn Gleiches unter Gleichen verschwindet; nur Ungleiches unter Ungleichem überragt oder unterliegt dem „Anderen", je nach Schicksal und Stunde der Geschichte, über die nicht zu rechten ist. Denn Geschichte ist nichts anderes als Wechselwirkung des Überragens und Unterliegens, über deren Glück und Unglück nicht unser schwaches Geschlecht zu entscheiden hat. III. Bei einem Denker vom Range Brunners ist es erst nach diesen grundsätzlichen Erwägungen möglich, zu den konkreten Konsequenzen Stellung zu nehmen. Es geht bei Brunner ja nicht um die Legitimierung der Führerstellung des G. V., die auch für ihn unbestritten ist, nachdem er den Zionismus schlechterdings als einen „Unsinn in vielen Vernünftigen" abtut. Aber es geht um Aufgaben und Richtung der Führung. Beides bestimmt sich aus dem Endzweck, zu dem die Entwicklung führen soll; wie Brunner haben auch wir die Aufgabe, beides zu bestimmen. In manchem werden wir mit ihm Übereinstimmung finden; aber zum entscheidenden Teile werden wir uns gegen ihn wenden; das heißt, im Endergebnis werden wir gegen ihn sein. Denn es bedeutet den Wert einer Meinung aberkennen, wenn man sie nur zur Hälfte anerkennt. Es ist Brunner (und uns) nicht mit Zweideutigkeiten gedient, nicht mit einem kleinen J a auf das ein großes Aber folgt. Darum müssen wir, auch wenn wir vieles anzuerkennen haben, zum Ende ablehnen. Uns trennt von Brunner die Bestimmung des Endzweckes, uns trennt folglich alles von ihm. Es sei die Aufgabe, meint Brunner, die Juden „nach jeder Hinsicht zu Volksangehörigen ihrer Völker" zu machen, „nicht zu Juden unter den Völkern". Es ist zweifelsfrei, daß damit Ziel und Aufgabe der Führung der deutschen Juden richtig erkannt ist. Nur mag verwundern, daß hier die Juden den Völkern gegenübergestellt werden, da doch die Forderang sich nicht gegen den Zionismus richtet, an den sie berechtigt wäre, sondern an den Centraiverein, für den sie gegenstandslos ist. Es ist bekannt und seit Jahrzehnten ausgesprochen, in welcher Frontstellung der Centraiverein gerade in dieser Frage gegen den Zionismus steht; es ist bekannt, daß die Grundlagen seines Kampfes für das deutsche Judentum und seine Weltanschauung in der Erkenntnis liegen, daß das Judentum nicht Volk ist, noch sein kann, daß die deutschen Juden Angehörige des deutschen Volkes sind. Aber freilich ist dieses deutsche Volk, in dessen Mitte die Juden leben und in dessen Boden sie verwurzelt sind, aus vielen Stämmen aufgebaut, ist der deutsche Geist, namentlich was die religiöse Sphäre betrifft, gestaltet worden aus vielfältigen Strebungen, wie es beispielsweise Katholizismus und Protestantismus sind. Die Einheit des Deutschen 76

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