Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Bestand und Untergang der deutschen Juden
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 75 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895509-2902166--05711-2902259- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bestand und Untergang der deutschen Juden Auch Brunner sieht diesen drohenden Untergang der Juden: aher er gibt ihrem ..Separatismus" eine .,Situationsschuld" an ihrer bedrohlichen Lage, sieht diese Schuld in ihrem Willen zum Bestand, der für ihn nur der Wille zum „Anderssein" ist. Was aber Brunner ungelöst läßt, ist der, für ihn freilich unausweichliche, Zirkel: zugegeben, daß der Bestand der Juden gefährdet ist durch ihr Anderssein; durch Aufgabe dieses Anderssein aber verliert das Judentum seinen Bestand! Wie also sich in solcher Lage entscheiden? Ausweglos aber erscheint dieser Widerspruch nur, wenn man den Ansatz zugibt, von dem Brunner ausgeht: seine Lehre vom „Anderssein" als der Quelle des Hasses, die ein nicht widerspruchsfreies Gegenstück zur Lehre vom Egoismus ist. Brunner behauptet die durchgängige und schicksalhafte Notwendigkeit der Haß-Reaktion gegenüber jedem „anderen", gleichgültig, wer dieser „Andere" ist, genug, er ist nicht man selbst. Das Problem ist der neueren Psychologie nicht unbekannt: namentlich Schelcr hal es behandelt. Aber unbekannt sind der Psychologie, soviel wir wissen, Formulierungen über das Du-Problem (wie es zünftig heißt) von solch deprimierender Radikalität wie der Brunnerschen. Schlechthin heißt es: „Das Anderssein bringt ins Unglück". Der Judenhaß ist . .. keine Originalität: er ist der Menschenhaß gegen „die Anderen". „... Und den Juden als den „Anderen" widerfährt nichts, was nicht, unter gleichen Umständen, auch die Juden ihren Anderen zufügen würden" . . . So verführerisch solche Meinung ist, so sehr einfach sie den Antagonismus im Aufbau der menschlichen Gesellschaft auch zu erklären scheint, so falsch ist sie. Und zwar nicht nur auf Grund eines psychologischen Tatbestandes, aus dem nachzuweisen ist, daß jede Haßreaktion nur die Inversion einer Liebesbindung ist, sondern vor allem, weil sie die Rolle der Negation im Aufbau der geistigen Wirklichkeit verkennt, die schon Hegel gesehen und im System seiner Geschichtsphilosophie dargestellt hat. Negativilät verliert als historische Kategorie ihre Schrecken, hat keine zerstörerische Wirksamkeit, sondern vielmehr eine aufbauende und gestaltende. Der Durchstoß durch die Negativität zu einer synthetischen Einheit von Thesis und Antithcsis ist geradezu das Baugesetz der historischen Welt, sofern sie Welt des Geistes ist. Die Hegeische Lehre ist allzu bekannt, als daß mehr als ein andeutender Satz gesagt werden müßte. Aus dieser grundsätzlichen Einsicht, die Gemeingut aller Geschichts- und Sozialphilosophie seit einem Jahrhunderl geworden ist, ergibt sich für die in Rede stehende Frage des "Verhältnisses von Sein und Anderssein eine Folgerung, die im eindeutigen Widerspruch steht zu der von Brunner gezogenen. Gerade das Anderssein jedes einzelnen Individuums und jeder einzelnen Gruppe läßt dieses Individuum und diese Gruppe schöpferisch am Aufbau der Menschheit teilnehmen. Die Welt ist nicht nach dem Satze der Identität gebaut, sondern nach dem Satze des Widerspruchs: dieser Erkenntnis kann sicli nur derjenige verschließen, welcher keine Möglichkeiten sieht, daß ein Widerspruch in einer höheren Einheit sich, aufhebt. Eine Welt, in der es kein Anderssein gibt, ist notwendig zur Sterilität, ist notwendig zum Untergang verurteilt: 75