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Der Morgen · 1932-04-01 · Heft 1 (April 1932) · p. 74

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 1 (April 1932)
Article
Bestand und Untergang der deutschen Juden
Date
1932-04-01
Page
74 (sequence 3)
Language
German
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Mauritius Kahn richtig betrachtet werden kann, nämlich nach ihrem Egoismus." Das mag eine begründete oder zu begründende Anschauung sein: es übersteigt die Möglichkeiten dieser, in andrer Absicht geschriebenen Antwort, sich mit dieser Theorie der menschlichen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Immerhin sei angemerkt, daß uns die Brunnersche Lösung zu einflächig erscheint, um für die vielschichtigen Strukturen menschlichen Wesens zureichend zu sein, und daß es Pflicht eines 'Philosophen ist, mindestens zu jenen Tatbeständen Stellung zu nehmen, die schon Kant in jener berühmten Stelle über den „Antagonismus" der „ungeselligen Geselligkeit" des Menschen aufgedeckt hat. Wie dem aber auch sei, welche Berechtigung Brunner zu seiner Lehre auch habe — eindeutig unwahrscheinlich ist die Folgerung, die er aus der grundsätzlich egoistischen Haltung des Menschen und der Menschheit in ihrer Geschichte für das Judentum glaubt ziehen zu können. „Wegen seines Egoismus" — schreibt Brunner anschließend an die oben zitierte Stelle — „also darf ich dem Menschengeschlecht trauen, es wird so Wertvolles wie das Judentum des alten jüdischen "Volkes nicht umkommen, es wird einen seiner schönsten Krondiamanten nicht verloren gehen lassen." Eine solche Hoffnung erscheint uns reichlich unbegründet, und vor allem kann sie nicht von den Voraussetzungen der Lehre über den universalen Egoismus begründet werden. Ganz im Gegenteil zeigt die Geschichte des Menschengeschlechts im Verlaufe langer, und, es sei ausgesprochen, noch immer nicht überwundener Zeitläufte das sehr energische Bemühen, diesen Krondiamanten aus der Krone zu entfernen. Fast scheint die Menschheit der Auffassung zu sein, daß das Judentum in ihrer Krone ein Dorn und kein Diamant ist. Wir sind gewiß überzeugt, daß im Judentum Ewigkeitswerte liegen, und unser steter Kampf für Leben und Recht der Juden wirkt über den Tag hinaus und gilt dem Bestände und der Sicherung dieser Werte. Aber dieser Kampf kann nicht mit ihrer Verleugnung beginnen, und kann nicht enden in der Resignation, wie sie Brunner verrät: „Das Judentum ... scheint ein ewiges Ferment aller Geschichte zu bleiben und trägt sich selbst durch die Völker, durch die Menschheit." Man kann nicht von der Hoffnung leben, ein „ewiges Ferment zu sein, und zugleich sich der Bürde und Verpflichtung entziehen, mitzutragen daran, wie sich das Judentum „selbst durch die Völker, durch die Menschheit" trägt. Es ist ein Irrtum zu meinen, das geschehe auch ohne Dazutun, man könne daneben stehen und die „anderen" tragen und austragen lassen, was auszukämpfen in der Notwendigkeit der Geschichte der Juden liegt. Es trägt sich nichts von selbst, und vor allem erträgt man nichts von selbst. Zu allem, was in der Geschichte gleich wie im Bereiche des Geistes Bestand haben soll, gehört lebendige Kraft, gehört lebensvoller Wille, gehören Menschen. Es ist einfach nicht wahr, daß das Leben der Juden als Juden nicht notwendig ist, um den historischen „Sinn" des Judentums und seinen „ewigen Wert" zu erhalten. Beides verliert Sinn und Wert, wenn die Juden ihrer Existenz verlustig gehen. Hamsun sagt einmal: „Es geht, freilich geht es. Alles geht, aber manches geht auch, ja — unter." 74

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