Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Bestand und Untergang der deutschen Juden
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 73 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mauritius Kahn: Bestand und Untergang der deutschen Juden Schriften und neuerdings in den „Preußischen Jahrbüchern" entwickelt hat, Brunners im Pathos prophetische Haltung hat ihren Fehler in der Voraussetzung: echtes Pathos ist immer Pathos der Zukunft; nach Brunners Ruf und Wunsch aber bleibt den Juden keine Zukunft, sondern nur der Stolz auf eine glorreiche Vergangenheit. Das Leben aber läßt sich in kein Museum stellen; die Bibel ist nicht nur ein „wunderstark geschriebenes Buch", sondern ist fortwirkende Lehre, und darum ist der Satz: „Der heutigen Juden bedarf es nicht zur Erhaltung dieses geistigen Judentums" hoffnungslos falsch, obschon er unwiderleglich scheint und im Einklänge mit einer (skurrilen) Philosophie des „objektiven Geistes" steht. Er ist falsch, weil er nicht im Einklänge steht mit der lebendigen Wirklichkeit, die beweiskräftiger ist als alle Philosophie. Seit Spengler gibt es eine spezifische Philosophie des Untergangs. Zu ihr gehört, auf besondere Weise, Brunner: Er ist der Philosoph des Untergangs des Judentums. „Was will der Mann?" Mit dieser Frage beginnt Brunner seinen Aufsatz „Über die notwendige Selbstemanzipation der Juden". Will er nun wirklich nichts anderes, als daß die Juden zuvörderst ihren Namen aufgeben, als daß „ihr (!) Centraiverein"1) — der also nicht der seine ist! — aus seinem Namen den Zusatz streicht, der auf den jüdischen Glauben seiner Mitglieder hinweist? „Es müßte und wird ihm ein Tag innerer Genugtuung sein, an dem er diese Redeweise fallen läßt" meint Brunner. Wir sind anderer Meinung; es würde kein Tag innerer Genugtuung sein, sondern ein Tag tiefer Trauer und unübersehbaren Unglücks; es würde ein Tag sein, der das Schicksal der Juden in Deutschland besiegelt, der Todestag des deutschen Judentums. Ein Tag, der nicht kommen wird, soviel wir sehen und erhoffen. Denn so ist die Forderung und Aufforderung Brunners nicht gemeint, daß politische Zweckmäßigkeit zu einem Namenswandel rate. Die Änderung des Namens soll zugleich ein symbolischer Akt sein; soll die Voraussetzung schaffen für eine Wesensänderung; mit dem Namenszauber soll zugleich der Bann gebrochen werden, den Brunner über den Juden spürt. „Die Emanzipation der Juden, das ist das Aufhören ihres Andersseins oder die Auflösung der «Juden»" — das will der Mann, Constantin Brunner. II. Die Lehre Brunners wurzelt in allgemeinen Einsichten und Überzeugungen philosophischer Art: man muß schon zu diesen Quellen zurückgehen, um zu ihr Stellung zu nehmen. Alles Wirken innerhalb der menschlichen Gesellschaft ist für Brunner grundsätzlich und allein aus dem Egoismus zu erklären. „Ich betrachte die Menschheit als gut so wenig wie als bös, auch nicht als gut und bös, sondern philosophisch, wie einzig und allein sie ') Diese Auseinandersetzung stellt sich zugleich die Aufgabe, von der Meinung zu reden, die der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und mit ihm der weitaus größte Teil der deutschen Juden in jüdischen Dingen vertritt. Der in den; „Preußiichen Jahrbüchern" veröffentlichte Aufsatz Brunners „Über die notwendige Selbstemanzipation der Juden** wandte sich vornehmlich und ausgesprochenermaßen an den Centralverein, und forderte ihn auf, seine Arbeit in die von Brunner gewiesene Richtung zu lenken. 73