Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Der Untergang des Judentums [Rezension]
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 71 (sequence 8)
- Language
- German
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„Der Untergang des Judentums'" Maßnahmen, die Heller beschreibt, braucht solches Judentum in Rußland nicht unterzugehen., unabhängig davon, ob man die jüdischen Siedlungen in der Ukraine, der Krim und in Birobidjan so optimistisch betrachtet, wie er es tut, oder ob man den Kritikern Gehör schenkt, die vor allzu großen Erwartungen warnen. Hoffen wir, daß der Buchtitel nur einer — falschen — wissenschaftlichen Erkenntnis entspringt und nicht einem echten, unbewußten Wunsche: Wäre das allerdings der Sinn der Sowjetpolitik, so stände das leidgewöhnte russische Judentum einer Situation gegenüber, die seine Zukunft schicksalhaft in Frage stellt. Doch Bolschewismus ist nicht nur Ziel, sondern auch Bewegung. Nicht nur Rußland und Birobidjan, sondern Deutschland und jüdische Proletarisierung, Radikalisierung und Arbeitslosigkeit. Hellers Buch ist in deutscher Sprache geschrieben, und hier in Deutschland ist es, in Deutschlands jüdischer Jugend, wo „das Gespenst des Kommunismus" am gründlichsten spukt. Und auch hier trägt es nicht die ursprüngliche Gestalt des reinen Kommunismus, der zum Judentum in keinem wie immer gearteten Gegensatz steht, sondern die russisch-sowjetislische, die zur Religion ,,nein" sagt, und für die etwas anderes als eine atavistischreligiöse Sonderart bei den deutschen Juden — da sie die nationale mit Recht ablehnt — überhaupt nicht in Frage kommt. Anschluß an die kommunistische Bewegung in Deutschland in ihrer gegenwärtigen Form bedeutet demnach nichts anderes als Aufgabe des Judentums. Nun stellt aber in der Mehrzahl der Fälle ,,roter Assimilation'* diese gegenseitige Ausschließung nicht etwa eine Gewaltmaßnahme, nicht etwa „Diktat von Moskau" dar. Tatsache ist, daß auch ohne ausgesprochen antijüdische Tendenz der Parteikommunismus eine Trennung vom Judentum in gefährliche Nähe rücken würde. Die Radikallösung, die er zu bieten vorgibt, zieht den ganzen Menschen in ihren Bann. Sie verspricht ihm Neugestaltung des ganzen Lebens, Neuerfüllung aller seiner Sphären. Einzelinhalte verblassen, Einzelkräfte werden wertlos angesichts der großen Umwälzung, die da am Werke ist. Wieder, wie einst in den Freiheitsideen des Liberalismus, bietet sich ein großer, weltumspannender Gedanke dem jüdischen Menschen dar und wirbt um Opferung seiner jüdischen Seele an die Idee der Menschheit. Wieder überspitzt und verabsolutiert sich eine aufkommende politische Ideologie und hält sich für das Ende jeder Entwicklung. Wir Juden haben das schon überstanden. Mit dem gleichen Recht und Unrecht wie heute der Kommunismus trat einst der Humanitätsgedanke an die jüdische Gemeinschaft heran und lockte zur vollkommnen Hingabe an die Menschheit. Was damals Niederlegung religiöser Dogmenschranken hieß, das heißt heute Auflösung der Kaste: Der Sinn ist sich gleich geblieben. Geschichtliche Analogien sind mit Vorsicht zu verwenden, und wir wollen vorsichtig sein. Mit Deutlichkeit aber lehrt uns die vorliegende das eine: Es muß nicht so kommen, wie der weitgehendste Anspruch einer politischen Weltanschauung fordert und beweisen zu können vorgibt. Gerade der Liberalismus, der auftrat für die „Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt", gebar — zweifelsohne in Abhängigkeit von einer entsprechenden Umformung des gesellschaftlichen Seins — als seine eigene Antithese 71