Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Der Untergang des Judentums [Rezension]
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 70 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895509-2902165--05704-2902254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Eva Reichmann-Jungmann läßt, wo sie sie behalten wollen. Wo sie sich assimilieren wollen, übt man auf diesen Prozeß gleichfalls keinen Einfluß aus. Schließlich aber geht man — nicht ohne Widerspruch — in der Freigebigkeit sogar soweit, daß man den Juden ihre Rückentwicklung zur Nation ermöglicht: Am 28. März 1928 übergab ihnen der Beschluß des Präsidiums des Zentralexekutivkomitees das ostsibirische Land Birobidjan zur Siedlung mit der Perspektive auf die Schaffung eines autonomen nationalen Territoriums. Die Freigabe dieser drei Möglichkeiten mutet wie klassischer Liberalismus an. Es läßt sich grundsätzlich nichts dagegen einwenden, zumal es dem mit den inner jüdischen Verhältnissen nicht Vertrauten unmöglich ist, die großzügige Theorie mit ihrer Durchführung zu vergleichen. Eine wesentliche Einbuße allerdings erleidet sie bereits durch den Kampf gegen die tragende Stütze der russisch-jüdischen Kultur, die jüdische Religion. Was nützt die Duldung der Form, wenn ihr wesentlichster Inhalt, anstatt daß man sein Schicksal der natürlichen Entwicklung überantwortet, gewaltsam ausgemerzt wird? Höchst zweifelhaft, ob das Jiddische, das aus religiösem Sprachgut gespeist, bedeutungsvoll bisher in erster Linie als Ausdrucksmittel einer religiösen Kultur war, eine solche Zerstörung seiner Grundlage überdauern wird. Und wie ihre Zerstörung gefördert und begrüßt wird, zeigen, wenn es noch der Beweise bedürfte, deutlich einige Stellen aus der Reisebeschreibung durch die jüdischen Kolonien, mit der Heller sein Buch abschließt: Junge Leute, die — o bewunderungswürdiger Forlschritt! — .^schon" den Sonntag feiern, ein gras-! "wachsener Erdhügel über einer primitiven Synagoge, die Kolonisten im Jahre 1928 als erstes Bauwerk errichteten und von dem es 1981 lakonisch heißt: „Jetzt steht es leer, niemand betet mehr hier an den Feiertagen". Schließlich ein alter Jude, der mitten im Urwald betet und von dem mit dem deutlichen Unterton des Triumphes gesagt wird: „Der Alte betete. Niemand von den andern Juden hatte gewußt, daß das jüdische Neujahrsfest gekommen war ..Jiddische Kultur wird bei so gewaltsamer Tötung ihrer Wurzeln nicht erhalten werden, auch nicht mit Hilfe eines Jüdischen Kulturmuseums „Mendel Moicher Sforim", das in Odessa errichtet wurde. Museum — das ist ein peinliches Symbol: Es riecht nach mumifiziertem Tod. So ist es kein Wunder, daß bei aller formalen Duldsamkeit auf den Zeilen vieles zwischen den Zeilen des Hellerschen Buches steht, was vermuten läßt, daß der Titel zwar nicht das notwendige Ergebnis der sowjetrussischen Judenpolitik, daß es aber das gewünschte Ergebnis ist. Denn das ist der Schlüssel: Da unser Begriff vom Judentum umfassender ist als der von Heller, da wir in ihm alle die religiösen, ethischen und geistigen Inhalte bejahen, deren Wesen über das durch die bisherige Gesellschaftsform Bestimmbare hinausgeht, glauben wir an sein Fortbestehen. Sein Untergang kann durch den Untergang der „jüdischen Handelkaste'" nicht verursacht werden. Für uns gibt es jüdische Zukunft, solange jüdische Menschen sich zu jüdischem Geist bekennen; zu dem jüdischen Geist, der durch die ökonomische Grundlage so genau und so ungenau determiniert ist wie die gotische Herrlichkeit durch die mittelalterliche Feudalverfassung. Durch die 70