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Der Morgen · 1932-04-01 · Heft 1 (April 1932) · p. 69

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 1 (April 1932)
Article
Der Untergang des Judentums [Rezension]
Date
1932-04-01
Page
69 (sequence 6)
Language
German
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„Der Untergang des Judentums" stündliche Nahe der Kirche — völlig vergleichbar der heutigen Lebensdurchdringung mit der wirtschaftlichen Funktion der Erwerbsarbeit — ist schlechthin unverständlich, wenn man nicht eine geringere Kraft der Wirtschaft über das damalige gesellschaftliche Bewußtsein in Ansatz bringt. Im Köln des i3. und iU. Jahrhunderts ruhte an rund 100 Tagen im Jahre infolge religiöser Übungen die Arbeit: Man übersetze diesen Zustand in die heutigen Verhältnisse, um zu begreifen, wie wesentliche Unterschiede rein zwischen den Ausdehnungsbereichen der vom Wirtschaftlichen her nicht unmittelbar erfaßten Sphären in den verschiedenen Zeitaltern bestehen. Freilich: auch dafür sind letztlich wieder Tatsachendes „gesellschaftlichen Seins", Nahrungsspielraum, Bevölkerungsdichte, soziale Verfassung usw. maßgebend. Der Sinn dieser Hinweise liegt nicht in einer Leugnung des Abhängigkeitsverhältnisses sondern lediglich in ihrer Beweiskraft dafür, daß den Forderungen der materialistischen Geschichtstheorie durch Anwendung mathematischer Genauigkeit nicht Genüge getan wird. Im Gegenteil: ein so inadäquater Gebrauch ist geeignet, ihren wahren Gehalt bis zur Unsinnigkeit zu verzerren. So mathematisch-ungenau aber geht Heller zu Werke. So scheuklappenbehaftet sieht er nur das Geradlinige, das Unmittelbare. Und so unzureichend primitiv sind daher seine Ergebnisse. Sein Beweismaterial, das selbst angreifbar und bestritten, in der Darstellung der Juden als einer handeltreibenden Kaste besteht, reicht nicht aus, die Weite des Begriffes Judentum zu tragen. So wenig eine letzte Abhängigkeit auch dieser Wesenheit von dem Urgrund ihres gesellschaftlichen Seins geleugnet werden soll, so wenig taugt dieses dazu, sie in ihrer Ganzheit zu erklären. Hiermit ist Hellers Grundfehler festgestellt. Es bleibt nun noch übrig, die Folgen aufzuzeigen, die aus ihm für die bolschewistische Theorie und Praxis der Judenpolitik hervorgehen. Heller wendet bei seiner Behandlung der russischen Judenfrage die Unterscheidung zwischen Nation und Nationalität an. Die russischen Juden bilden für ihn ebenso wenig wie die Juden der Welt eine Nation, sondern eine Nationalität. (Daß von diesem Punkte her ein erbitterter Kampf gegen den Zionismus seinen Ausgang nimmt, sei nur nebenbei bemerkt.) Zur Nation fehlt ihnen das Territorium. Ihre religiöse Sonderstellung ist ihm innerhalb und außerhalb Rußlands völlig unerheblich, da er sie für einen derjenigen ideologischen Bestandteile hält, die mit der Auflösung der Kaste auf die Dauer in Fortfall kommen müssen. Wieso die nationale bezw. Stammes-Eigenart diesem Untergangsprozeß nicht unterworfen ist, bleibt ungeklärt. Wo für Hellers und seiner Freunde Unerbittlichkeit bei den grundsätzlich gleichen bäuerlichen und industriellen Produktionsformen der ganzen Sowjet-Union Platz für nationale Unterschiede zwischen den einzelnen russischen Bevölkerungsgruppen überhaupt bleibt, ist nicht ganz einleuchtend. AJjer die Wirklichkeit, die reale Hörbarkeit der verschiedenen Sprachen, ist hier strenge Lehrmeisterin, und so macht denn auch' die Sowjettheorie mit dieser reichlich' unbequemen Erscheinung ihren Frieden, indem sie sie in ihr System einbezieht. Auf die russischen Juden angewandt, sieht das nach Heller so aus, daß man ihnen ihre jiddische Sprache und Kultur 69

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