Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Der Untergang des Judentums [Rezension]
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 68 (sequence 5)
- Language
- German
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Eva Reichmann-Jungmann Tatsächlichen widerlegbar ist — und dafür die religiöse Inbrunst unserer Väter? Dafür der Feuertod Tausender und Abertausender? Dafür Hinnahme der Verbannung und des Elends, wo ein einziger Wassertropfen die Beibehaltung des „Monopols" ermöglicht hätte? Oder wirkten vielleicht in den Ländern des Exils — etwa nach der Austreibung aus Spanien — schon wieder andere Möglichkeiten der „Monopolausbeutung" —? Warum hatte man dann dem wirtschaftlichen Triebe folgend sie nicht schon früher ausgenutzt? Wirklich, es gibt kaum ein lockenderes Gebiet, Fruchtbarkeit und Grenzen historisch-materialistischer Gedankengänge zu erweisen als das der jüdischen Geschichte. Aber von alledem weiß Heller nichts. Er hat von jüdischem Geistesgut, von der glutdurchwehten jüdischen Martyriologie keinen Hauch verspürt. Er hat seinen Gegenstand nicht erkannt in jenem dem hebräischen Worte joda angenäherten Sinne: Er hat ihn nie geliebt und nie besessen. Doch wir wollen uns fernhalten von einem Überschwang des Gefühles, so wenig es aus einer Behandlung gerade dieses Stoffes fortzudenken ist. Wir wollen uns der Gefahr bewußt werden, die in dieser Überlegung liegt: Befinden wir uns vielleicht bei der Ablehnung der Hellerschen Geschichtsmethode in der gleichen Situation der unbewußten Gebundenheit an unsere Seinsgrundlagen, die einst die Ablehnung der marxistischen Theorie seitens der herrschenden Schulen entscheidend beeinflußte? Wird etwa auch unser individuelles Bewußtsein so stark durch unser jüdisches Sein bestimmt, daß unser Widerstand gegen diese neue Untergangstheorie viel mehr unserm jüdischen Vor-Urteil als unserem objektiven Urteil entspringt? Der Verdacht liegt nahe, und er wäre auch durch gründlichste Selbstkontrolle nicht vollständig zu widerlegen, wenn nicht schon diese spontane Abwehr gegen Hellers Untergangsprogramm, dieser überall spürbare Wille zum Leben der jüdischen Gemeinschaft, gerade da, wo er von deutschjüdischen, emanzipierten, aus der Kastenlage schon längst befreiten Menschen getragen wird, einer der besten Gegenbeweise gegen Heller überhaupt wäre. Wie bereits angedeutet, besagt der historische Materialismus nicht, daß die Bestimmtheit der kulturellen durch die ökonomische Sphäre in uneingeschränkter Eindeutigkeit bestehe. Der Umwandlungsprozeß, den das „gesellschaftliche Sein" oder das „Leben", wie Marx an anderer Stellex) in besserer Hervorhebung des komplexen Tatbestandes sagt, durch das menschliche Denken erfährt, ist nicht in allen Menschenköpfen und nicht an allen Orten und zu allen Zeiten in der gleichen mechanischen Weise vor sich gegangen. In Zeiten großer Durchschlagskraft der wirtschaftlichen Sphäre, wie sie beispielsweise der Kapitalismus und namentlich' unsere gegenwärtige unter dem Druck der Wirtschaft seufzende Epoche des Spätkapitalismus darstellen, ist der Umwandlungsprozeß direkter, die Einwirkung der Wirtschaft auf die Kultur stärker als beispielsweise in den Zeiten der Antike, da die Institution der Sklaverei eine verhältnismäßig weitgehende Emanzipation der kulturtragenden Schichten von der Wirtschaft erlaubte. Die religiöse Erfülltheit des Mittelalters, die tägliche und *) ,Ü)eutsche Ideologie" Marx-Engels Archiv, I. Band, S. 2 4o. 68